05.01.2012 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Die Premiere im Pumpenhaus: Das Kirschgarten-Ereignis

Pressespiegel

 

05.01.2012 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Die Premiere im Pumpenhaus: Das Kirschgarten-Ereignis

In den 1960ern gab es den Begriff des Theaters als Baustelle. Das muss bei dem Berliner Regieduo Thorsten Lensing und Jan Hein irgendwie gezündet haben. Für ihre Inszenierung von Robert Walsers „Schneewittchen“ vor sechs Jahren kippten sie eine Fuhre Kies auf die Bühne des Pumpenhauses. Bei Tschechows „Kirschgarten“ sind es jetzt Ziegelsteine.

Aus denen errichten die Schauspieler mit handwerklichem Eifer eine mannshohe Mauer, die sie dann im zweiten Akt mit viel Getöse wieder zum Einsturz bringen. So brachial der Umgang mit den Requisiten auch sein mag – dem Stoff selbst nähert sich das hochkarätig besetzte Ensemble des Theaterlabels T 1 äußerst behutsam und mit viel Gespür für die einzelnen Charaktere. Mehr als drei Stunden nimmt es sich dafür Zeit. Aber das ist keine Minute zu viel, weil jedes Wort, jede Geste stimmt und sich zu einem aussagekräftigen Ganzen fügt. Und man nimmt Tschechow beim Wort, wenn er das Stück als Komödie bezeichnet. Interessanterweise ist es der sonst eher introvertiert agierende Joachim Król, der hier am deutlichsten für Komik sorgt, wenn er als Kontorist Epichodow slapstickartig über Stühle fällt oder auf der Gitarre den Kirschgarten-Blues anstimmt.

Momente der Unbeherrschtheit

Der eigentliche Konflikt spielt sich aber zwischen der Gutsbesitzerin Ranjewskaja und dem Kaufmann Lopachin ab. Sie, die ihr Gut nicht mehr halten kann, verkörpert den dekadent gewordenen Adel, der sich auf überkommene Privilegien stützt. Er, der ehemalige Leibeigene, der das Gut schließlich kauft und den Kirschgarten für den Bau von Wochenendhäusern abholzen lässt, steht für das aufkommende Bürgertum, das sich seine gesellschaftliche Stellung selbst erarbeitet hat. Ursina Lardi und Devid Striesow liefern sich hier einen Kampf, der nie offen geführt wird. Wie sehr man die Einstellung des jeweils anderen missbilligt und zu hintertreiben versucht, wird hier nur in kurzen Momenten der Unbeherrschtheit und im Verhalten Dritten gegenüber offenbar – ein schauspielerischer Drahtseilakt, den beide mit Bravour meistern.

14-köpfiges Ensemble

Aber auch der Rest des 14-köpfigen Ensembles kann sich sehen lassen. Aenna Schwarz spielt Anja, die Tochter der Gutsbesitzerin, mit einer raffinierten Mischung aus kindlicher Fügsamkeit und pubertärem Aufbegehren. Peter Kurth als ihr Onkel sorgt durch Geschwätzigkeit und betont legeres Auftreten für Komik, während Lars Rudolph als „ewiger Student“ Trofimow den Wert der Arbeit preist, ohne auch nur einen Finger zu rühren.
Überhaupt ist die Inszenierung bis in die letzte Nebenrolle hinein geradezu verschwenderisch gut besetzt und ausgearbeitet. Man muss sie wohl als ein Ereignis werten – was das Publikum mit lang anhaltendem Applaus auch getan hat.