09.12.2011 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Hip hop weg von der Straße

Pressespiegel

 

09.12.2011 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Hip hop weg von der Straße

Schlapp und frustriert hängt der Tänzer auf seinem Stuhl, lässt den Kopf hin und her pendeln, rutscht immer weiter hinunter. Erst die Musik von James Brown bringt Bewegung in den jungen Mann; zum berühmten Song „Get up, I feel like a sexmachine“ zeigt Kentaro virtuosen Hip Hop, mit flinken Füßen, fließend-schön, bevor er wieder auf seinen Stuhl zurückkehrt. So mitreißend sein Tanz auch war, zur „sexmachine“ hat es anscheinend nicht gereicht.
Es ist bemerkenswert, wie der Tänzer und Choreograf aus Tokyo mit dem Streetdance umgeht. Wird Breakdance international vor allem als Wettbewerbsdisziplin in „Battles“ zur Schau gestellt, so bringt Kentaro Hip Hop und comic-artiges Locking in abendfüllenden Choreografien auf die Bühne, wie man sie sonst nur vom zeitgenössischen Tanz kennt. Was beeindruckt: dass er es versteht, dynamischen Streetdance mit lyrischen Momenten zu vereinen. Dabei tritt er sympathisch unprätentiös, mitunter selbstironisch auf.

Zwei Deutsche Erstaufführungen hat der mehrfach ausgezeichnete Künstler im Pumpenhaus auf die Bühne gebracht, „Send it, Mr. Monster“ mit seiner Company „Electrock Stairs“ und das Solo „Do you know a friend of fate?“.

Scheint sich Kentaro im Solo selbst zu finden, bis er unter buntem Konfetti tanzt wie auf Wolken, so geht es in der Gruppe um rasanten Hip Hop als Antwort auf Aggression und Gewalt in einer Gesellschaft, die Mord und Totschlag hervorbringt. „Sayonara my shit life“ steht auf den T-Shirts der sechs Tänzerinnen und Tänzer, die erschossen werden, und die doch immer wieder aufstehen. In rasanten, auf den Punkt genauen Gruppenchoreografien beweisen sie sich als großartige Künstler, wenn sie Kentaros Hip-Hop-Musik akzentuiert umsetzen, Akrobatik zeigen oder sich mechanisch bewegen wie Puppen. Gefühle wollten sie vermitteln, Menschlichkeit, wenn nicht heute, dann morgen, liest einer der Tänzer in gebrochenem Deutsch vor und spricht vom Glück, tanzen zu können. Tanz wird hier zurÜberlebensstrategie, dient der willkommenen Ablenkung, in eindrucksvollen Szenen, die man nicht so leicht vergisst.