05.12.2011 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Gnadenlos verstreicht die Zeit

Pressespiegel

 

05.12.2011 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Gnadenlos verstreicht die Zeit

In hochhackigen Stiefeln und knappem Mini-Kleid stakst Ljuba durch ihr ehemaliges Kinderzimmer; vor dem Fenster blüht der geliebte Kirschgarten, etwas weiter rauscht der Fluss, in dem ihr Kind vor Jahren ertrank. Damals flüchtete die adlige Gutsbesitzerin, ging der Liebe wegen nach Paris, wurde arm und noch unglücklicher. Jetzt sollen Haus und Hof versteigert werden, die Vergangenheit holt sie wieder ein. 

Anton Tschechow schrieb den „Kirschgarten“ 1903 als tragische Komödie über den Umbruch der Gesellschaft und den Triumph des Geldes über die Tradition. In der Inszenierung von Thorsten Lensing und Jan Hein, die das Stück im Pumpenhaus zur Vorpremiere brachten, geht es vor allem um gnadenlos verstreichende Zeit. Die Schönheit des Kirschgartens bleibt der Fantasie vorbehalten; die Bühne besteht aus Ziegelsteinen, als rohe Mauer nimmt sie die Zerstörung des Guts vorweg.

Ursina Lardi spielt die Ljuba fantastisch, mal dominant, mal hilflos, zwischen Lachen und Weinen schwankend, immer kurz vor dem nächsten Zusammenbruch. Wenn sie glaubt, ihre tote Mutter zu sehen, oder das Drama um den toten Sohn heraufbeschwört, wird Vergänglichkeit zum Greifen nah. Ihr zur Seite stehen die mitfühlende, schöne Tochter Anja, überzeugend dargestellt von Aenne Schwarz, und der verschwenderische, schwatzhafte Bruder, dem Peter Kurth mit Temperament und Humor Profil verleiht. Das Stück lebt von den Figuren, die teils tragisch, teils grotesk und komisch auf die Bühne kommen; in dieser hochkarätigen Besetzung ist das Schauspiel ein Genuss. 

Joachim Król widerfährt als ewiger Tollpatsch ein Missgeschick nach dem anderen, Rik van Uffelen amüsiert als hilflos-gefräßiger Gutsbesitzer, Horst Mendorch, der ad hoc die Rolle der Gouvernante Charlotta übernahm, ist die groteske Figur schlechthin. Dem gegenüber stehen Anna Grisebach als fleißige, ewig einsame Pflegetochter oder Maria Hofstätter als liebeshungriges, verträumtes Dienstmädchen. Devid Striesow spielt den gesellschaftlichen Aufsteiger Lopachin facettenreich, erst nervös und unsicher, schließlich machtgierig. Am Schluss wird der finanzkräftige Bauernsohn als neuer Besitzer denKirschgarten abholzen lassen, nach mehr als dreistündigem Theatervergnügen – keine Minute zu lang. 

» Am Samstagmorgen wurde bekannt, dass einer der Schauspieler schwer erkrankt ist. Das Pumpenhaus sagte die Aufführungen am Samstag und Sonntag ab. Ob weitere Aufführungen in Berlin und Hamburg stattfinden können, steht nach Informationen vom Wochenende noch nicht fest.