29.11.2011 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Faszinierend beklemmend

Pressespiegel

 

29.11.2011 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Faszinierend beklemmend

Die Bühne sieht aus wie ein überdimensional großer Kasten, darin stecken, aus dem Boden und der Decke ragend, zwei lange Baumstümpfe, die von surreal anmutenden Figuren gehegt und gepflegt werden. Die Haare mit einem langen Hut bedeckt, trägt die Dicke eine Schweinsnase im Gesicht, die dünne Schafshörner auf dem Kopf. Groß ist die Aufregung, als aus dem einen Baum Mehl staubt und mindestens ebenso groß der Neid, als der andere eine milchige Flüssigkeit abgibt. 

Grotesk, komisch, fantastisch und beklemmend wie ein Albtraum ist das „Frustrierende Bilderbuch für Erwachsene“, das Kuro Tanino aus Tokyo mit seiner Compagnie Niwagekidan Penino auf Einladung des Pumpenhauses im ehemaligen Bahnhofskino derKulturschiene zeigte. Tanino ist nicht nur Regisseur, sondern auch ausgebildeter und praktizierender Psychiater, sonst hätte er solch freudianisch aufgeladenen Szenen wohl kaum kreieren können.

Es geht um einen Schüler, der für die gefürchtete Aufnahmeprüfung an der Uni lernen muss. Wie Gulliver gefesselt, findet sich der junge Mann in einer Miniaturlandschaft wieder, die sich im Keller von Schaf und Schwein befindet. Wenn Frau Schwein ihren Baumstamm – eine Art Phallus, der über lange Wurzeln mit dem Geschlecht des Mannes verbunden ist – befühlt, bekommt der Schüler einen Samenerguss. Für das Schwein kann es nichts Köstlicheres geben.

Von seiner Libido wie vom Erfolgs-Druck der Familie gleichermaßen geplagt, leidet der junge Mann Qualen, reagiert sich am Schwein ab und steht schließlich seinem Alter Ego in Miniformat gegenüber. Als er zusehen muss, wie sich sein anderes Ich mit Hilfe einer Puppe selbst befriedigt, sitzt er zitternd und klein in der Ecke eines Raumes. Die Türen sind geschlossen, Flucht ist ausweglos.

Kuro Tanino ist ein kleines Meisterwerk gelungen. Die bildgewaltigen Szenen sind von ganz eigener Ästhetik und so emotional, dass man meint, in die Seele des Gepeinigten blicken zu können. Dabei gelingt es dem Regisseur, durch Übertreibung und Witz Distanz zu wahren, so dass das durchaus ernst zu nehmende Stück immer wieder ironisch gebrochen wird. Ein außergewöhnliche Theaterproduktion, die man nicht so leicht vergisst.