22.11.2011 – Sabine Müller / Münstersche Zeitung: Mit 15 schwanger: „Mutter:Glück“ gewinnt Preis in Berlin

Pressespiegel

 

22.11.2011 – Sabine Müller für die Münstersche Zeitung
Mit 15 schwanger: „Mutter:Glück“ gewinnt Preis in Berlin

Sie hatte sich fest vorgenommen, nicht zu heulen. Nur nicht so was wie bei den Oscar-Verleihungen. Und sie schaffte es: Die münstersche Regisseurin Silvia Jedrusiak (Foto) nahm den Brüder-Grimm-Preis in Berlin bewegt, aber ohne Tränen in Empfang. Im Zuschauerraum saßen ihre Schauspielerinnen. Ihre Mädchen. Und weinten.

Verständlich. Der Brüder-Grimm-Preis des Landes Berlin ist eine hohe Auszeichnung, 10 000 Euro wert und wird an ganz besondere Kinder- und Jugendtheater verliehen. In diesem Jahr entschied sich die Jury für „Mutter:Glück“, eine Produktion von Cactus Junges Theater aus Münster, das vor zwei Jahren im Pumpenhaus Premiere hatte. Die jungen Frauen erzählen auf der Bühne von fünf ganz unterschiedlichen Teenagerschwangerschaften – glücklichen, stressigen, traurigen. Sie spielen und tanzen.

Zehn Monate lang hatte Silvia Jedrusiak zusammen mit „ihren Mädels“ das Stück erarbeitet. „Das war selbst wie eine Schwangerschaft“, erinnert sich die Regisseurin. Die jungen Darstellerinnen, zwischen 15 und 18 Jahre alt, führten Interviews mit jungen Müttern, besuchten eine Hebamme und ein Mutter-Kind-Wohnheim. „Anfangs waren alle überzeugt, ihnen könne so etwas nicht passieren“, erzählt Jedrusiak, „schwanger mit 15 – das sei ein Problem in den unteren Schichten.“ Doch die Recherche erwies: Das kommt in jeder Schicht vor. Nur wird in höheren Bildungsschichten häufiger abgetrieben. „Das Stück hatte für die Mädchen eine unheimliche Bedeutung, sie verteidigen und achten bis heute die Schicksale der jungen Mütter.“

Abbau von Vorurteilen

Die Jury beschrieb das Stück unter anderem auch als „aufklärerisches Projekt“: „Es trägt zum Abbau von Vorurteilen bei – und es macht Mut.“ Jedrusiak war es wichtig, nicht moralisierend zu werden, nichts schwarz-weiß zu malen. „Ich wollte ein Gegenwartsthema auf die Bühne bringen und den Zuschauer damit berühren.“ Es gibt bei ihr die Gymnasiastin, die abtreibt, ein Mädchen, das in der Mutterrolle aufgeht, eine überforderte Teenagerin, eine Schulabbrecherin und eine junge Mutter, die von ihrer Mutter bevormundet wird.

Zwölf Mal war das Stück in Münster zu sehen, es war immer ausverkauft. Und doch traute sich Jedrusiak anfangs nicht, die Bewerbung abzuschicken. Der Respekt vor der renommierten Konkurrenz war groß: Da tauchten Namen wie das Grips-Theater, das Theater Rote Grütze und der Autor Paul Maar in der Bewerberliste auf. Jedrusiaks Darstellerinnen dagegen waren Laien. Doch das Selbstbewusstsein siegte. Immerhin war das Stück zuvor schon für das Theatertreffen in Berlin nominiert.

Emotional überwältigt

Drei Wochen vor der Brüder-Grimm-Preisverleihung kam dann die Nachricht: Sie hatten sich gegen 55 andere Stücke durchgesetzt. „Das hat mich emotional total überwältigt“, sagt Jedrusiak. Die eigentlichen Preisträger seien jedoch die Mädchen. Und vor allem Jennifer Ocampo. Die Tänzerin und Choreografin fand für die Momente, „wo Worte fehlen“, die richtige Körpersprache.

Anderthalb Monate nach der Uraufführung brachte Jedrusiak selbst ein Kind zur Welt. „Das hat mir noch einmal mehr Respekt für die Teenagermütter gebracht“, sagt sie. Ein Theaterprojekt musste sie gar wegen mangelnder Kinderbetreuung absagen. „Ich lebe in sicheren Verhältnissen und finde alles schon sehr schwierig. Wie schafft man das nur in so jungen Jahren?“