11.11.2011 – Maria Berentzen / Westfälischen Nachrichten: Energie für zwei Heimaten

Pressespiegel

 

11.11.2011 – Maria Berentzen für die Westfälischen Nachrichten
Energie für zwei Heimaten

Die Stimmen werden lauter. Energisch und fordernd, dröhnen wie ein Schiffsmotor über die Bühne: Ein Chauffeur! Ein eigenes Kino mit Popcorn-Maschine! Ein Fitnessstudio – und nicht zu vergessen Schnee, der nach Zucker schmeckt: Die Erwartungen an Deutschland sind groß, als die jungen Afrikaner aus ihrer Heimat aufbrechen. Es ist eine Reise ins Ungewisse, denn hinter dem Horizont lauern viele Fragezeichen.

Wie ist es, sich zwischen zwei Welten zu bewegen, in zwei Heimaten zu Hause zu sein? In zwei Sprachen zu denken, in zwei Kulturen zu leben? Diesen Fragen geht das Stück „2 + X Welten“ von Cactus Junges Theater in der Regie von Barbara Kemmler und Dramaturgie von Kabasia Chuwa-Moliki nach. Am Mittwoch war Uraufführung im Pumpenhaus.

Die Jugendlichen stammen aus Ghana, Guinea, Kenia, Simbabwe, Somalia und Ruanda. „Ich bin ein Produkt zweier Welten“, sagt einer von ihnen auf der Bühne.

Die letzten Tage in Afrika leben wieder auf: Einer hat nur gegessen, „rice, stew and chicken“, also Reis, Eintopf und Hühnchen, bis ihm im Flugzeug schlecht wurde. Ein anderer erinnert sich: „Wir haben Fußbälle selbst gebaut, indem wir sie aus zerplatzten Luftballons gewickelt haben.“

An die neue Heimat Deutschland sind viele Wünsche geknüpft; viele entpuppen sich als Illusion, denn das vermeintlich schöne Leben stellt sich bald als harter Kampf heraus: Die Jugendlichen ringen mit der Sprache, kämpfen um ihre Schulnoten, fechten mit ihrer Zukunft, reiben sich an ihren Familien und spüren manchmal so viel Druck, dass es sie zu Boden presst und sie nur noch kriechen können. 

Das Stück versprüht bei allem eine unbändige Kraft, eine ungestüme Freude. Dies liegt mit an den selbst geschriebenen Raps und Tanzeinlagen (Choreographie: Gotta Depri), die das Publikum mitreißen. Mal springen die Jugendlichen bei Liegestützen übereinander her, mal wälzen sie sich kämpfend auf der Bühne. Mit „My city“ haben sie sogar ein Münster-Lied selbst geschrieben.

Doch das Theaterstück hat auch einen traurigen Beiklang: Takunde Masika, der die Musik „Sehnsucht“ für „2 + X Welten“ schrieb, starb in Simbabwe drei Wochen vor der Aufführung, weil er nicht rechtzeitig Geld für seine Behandlung im Krankenhaus in Harare aufbringen konnte.

Nach einem furiosen Finale mit einem Freestyle-Tanz hält es das Publikum nicht mehr auf den Plätzen, viele springen auf, klatschen, pfeifen und fordern so lange eine Zugabe, bis die Jugendlichen ihr Lied „My city“ wiederholen – Energie pur.