06.11.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Theater von Gintersdorfer und Klaßen: Dämonen an der Macht

Pressespiegel

 

06.11.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Theater von Gintersdorfer und Klaßen: Dämonen an der Macht

Gleich zweimal rüttelte das Regieduo Gintersdorfer/Klaßen am Wochenende die Zuschauer im Pumpenhaus auf. Die Doppelpremiere am Freitag und Samstag hatte es sich: Es wurde laut, ironisch und düster.

In roter Hose und Jacke tänzelt er herum und schleudert Versprechungen ins Publikum. Ein kleiner Springteufel, der den Präsidenten seines Landes mimt und für alle Probleme eine Lösung weiß. Und Probleme gibt es nach Bürgerkrieg und Teilung reichlich in der Republik Elfenbeinküste. So viele, dass das Volk von der Politik in die Party und von dort in die Religion flüchtet.

Mit „Erleide meine Inspiration“ eröffnete das Berliner Regieduo Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen am Freitag im Pumpenhaus die Reihe „Jenseits der Gleichgültigkeit: Performing Black Afrika“. Es ist eine kraftvolle und mitreißende Performance aus Gesang, Tanz und lautstarker Agitation, die das deutsch-ivorische Ensemble auf die Bühne bringt. Und trotz der Missstände, die dabei verhandelt werden, gestaltet sich das Ganze höchst unterhaltsam und beißend ironisch.

16 Frauen braucht der Mann

16 Frauen braucht der Mann an der Elfenbeinküste, heißt es. Eine für zuhause und 15 zum Ausgehen. Weil ihn das in die Sünde treibt, flüchtet er nach einer durchgefeierten Nacht in die Arme der Kirche, die sich praktischerweise auch auf Teufelsaustreibung versteht. Das Publikum wird aufgefordert, ordentlich Lärm zu machen, damit die Dämonen mitkriegen, dass es ihnen an den Kragen geht. Und weil Deutschland auch seine Probleme hat, wird die Theologie mit der Eurokrise vermengt, die man nach einem Telefonat mit der Kanzlerin gleich mit austreibt. Mit einer pseudophilosophischen Auslassung über das „Ende des Westerns“ endet das Spektakel und leitet gleichzeitig auf das Stück am Samstag über, das eben diesen Titel trägt.

Am Ende des Westerns

Als die Elfenbeinküste im Oktober 2010 ihren Präsidenten wählte, muss was schiefgelaufen sein. Jedenfalls beanspruchten beide Kandidaten den Sieg für sich: Laurent Gbagbo, der amtierende Präsident, und Alassane Ouattara, sein Herausforderer. Die Doppelherrschaft dauerte sechs Monate und stürzte das Land in Chaos und Anarchie, bis mit Hilfe der Vereinten Nationen, der USA und Europas der Machtkampf schließlich zugunsten Ouattaras entschieden wurde. Den fatalen Zustand nach der Wahl thematisiert das Regieduo Gintersdorfer/Klaßen in „Am Ende des Western“.

War die Herangehensweise am Freitag noch stark von Ironie geprägt, verzichtet das Ensemble hier fast völlig auf komische Effekte, die dem Konflikt Schärfe nehmen würden. Aggressiv brüllen die Kombattanten aufeinander ein und übertragen die Auseinandersetzung auf das Publikum, das sie auf die Bühne holen und auf Patriotismus einschwören. Eine Hälfte der Darsteller agiert hinter einer Wand, die andere davor, und keine Seite weiß, was die andere im Schilde führt. Bis es wie im Western zum großen Showdown kommt, bei dem die Zuschauer in der Rolle des Volkes aufgefordert werden, ihr Leben für ihren Kandidaten zu opfern.

Standpauke fürs Publikum

„Sechs Monate, in denen Dämonen die Macht übernommen haben“ – so wird die Zeit beschrieben und mit beängstigender Realität in Szene gesetzt. Selten hat Theater so mitgenommen. Aber auch danach herrscht alles andere als Harmonie. Als das Publikum wieder auf seinen Stühlen Platz nimmt, bekommt es eine Standpauke zu hören, bei der es um Deutschlands Rolle in dem Konflikt und um die Europäische Union geht, der man keine große Zukunft prophezeit. „In 15 Jahren sehen wir uns wieder“, heißt es zum Schluss. Und es klingt wie eine Drohung.