31.10.2011 – Marian Schäfer / Westfälischen Nachrichten: Als Ärzte noch dem Klagen lauschten

Pressespiegel

 

31.10.2011 – Marian Schäfer für die Westfälischen Nachrichten
Als Ärzte noch dem Klagen lauschten

Als nach 26 Tagen der Lebensprozess von Frau K. nicht mehr aufrecht erhalten werden kann und die Maschinen abgestellt werden, sieht sich der behandelnde Arzt den Fall noch einmal genau an, um einen Kommentar zu schreiben. Er hatte mit Frau K., die noch bei Bewusstsein gewesen war, als sie ins Krankenhaus eingeliefert wurde, nie wirklich geredet. Er weiß fast nichts über die Frau, und das muss er auch nicht, schließlich hat er ja die Kostenaufstellungen – und vor allem die Daten der Tests, die eine klare Sprache sprechen. Viel zu viele Tests im Übrigen, worüber er sich jetzt ärgert. Und viel zu teuer.
Barbara Duden lehnt an einem Stehtisch auf der Bühne im Pumpenhaus und erweitert den „Traum der Medizin“, das interdisziplinäre Festival, um eine historisch-soziologische Perspektive. Die Professorin gilt als „Pionierin der Körpergeschichte“ und benutzt den Fall der Frau K., um darzustellen, wie sich die Medizin verändert hat. Und um einen krassen Kontrast zu erzeugen. Denn den Blick auf die Moderne gewährt sie erst, nachdem sie zuvor aus den Akten des Eisenacher Arztes Johann Storch gelesen hat, der zwischen 1715 und 1750 praktizierte, als Medizin noch keine Wissenschaft und der Körper noch nicht zu einem reinen Objekt geworden war, wie Duden sagt.

Es gebe einen Abgrund zwischen der eigenen Wahrnehmung und der diagnostischen Ebene, der beinahe unüberbrückbar sei, meint Barbara Duden. „Es ist fast unmöglich geworden zu klagen“, sagt sie, weil es den Arzt, der ruhig zuhöre, weil es das Zwiegesprächzwischen ihm und dem Patienten kaum mehr gebe. 

Von Klageliedern der Opernsängerin Sandra Mangini unterbrochen, liest Duden aus den Aufzeichnungen des Eisenacher Arztes, der pedantisch protokollierte, was ihm zu Ohren gekommen war – „und nicht, was er sah“, wie sie betont. Da geht es um eine ältere Dame, die Angst hat, im „Innern zu versteinern“, um ein Hoffräulein mit Herzflattern und um ein Frauenzimmer von 17 Jahren, das nicht essen, nicht schlafen könne, kalte Füße habe, kurzen Atem und Taubheit in den Gliedmaßen. Der Medicus redet mit der jungen Frau, die offensichtlich an Liebeskrankheit leidet. Es ist eine Zeit, in der außer Frage steht, dass Herzen zerfließen, Menschen Blut schwitzen, vollen Herzens und voller Trauer sein können.

Und heute? Besteht laut Barbara Duden „eine Riesenkluft zwischen Fleisch und Wort“. Der Arzt von damals „behandelte keine Körper, sondern erzählte Geschichten, während heute der Patient nicht mehr gehört, sondern abgehört wird“.