21.10.2011 – Arndt Zinkant / Westfälischen Nachrichten: Fragen an sich selbst

Pressespiegel

 

21.10.2011 – Arndt Zinkant für die Westfälischen Nachrichten
Fragen an sich selbst

Vier große Leinwände, vier große Gesichter. Zu sehen als Dia-Projektion in Schwarzweiß, von vorn und der Seite. Es sind drei junge Frauen und mittendrin Pitt Hartmann. Mimisch macht er, was auch die andern machen – und doch ist er anders, herausgehoben. Zum Beispiel, wenn ihm ein Käfer unbehelligt übers Gesicht krabbelt und Hartmanns kahle Stirn erklimmt. Der knautscht gequält seine Mimik, aber verjagen kann er das Insekt offenbar nicht. Irgendwie ist er in sich selbst gefangen – und erzählt davon aus dem Off.
„What the Hell is going on?“, fragt Hartmanns Stimme sich selbst. Immer wieder fragt sie´s während der Erzählung, die eine wunderliche Verzweiflung atmet und doch von flapsiger Coolness durchsetzt ist. Ein Mensch, der sich fragt, ob Gevatter Tod ihn im TÜV-geprüften Wagen abholt. Der sich gegen beschwichtigende Ärzte behaupten will. Der sich seine altvertraute Wohnung wie ein Puzzle zusammensetzen muss. Den autobiografischen Text schrieb Pitt Hartmann vor 20 Jahren, in einer Situation, in der für den Schauspieler das Zeitgefüge und sein Gesellschaftsbegriff zusammenbrachen.

Was unter Regie von Johannes Fundermann und Lea Bullerjahn ins Pumpenhaus gebracht wurde, ist eine Versinnlichung des Textes. Die vier Personen sind irgendwie alle Hartmann; er und das Trio Nele Koops, Victoria Mletzko und Milena Weber bewegen sich während der 50 Minuten stumm und roboterhaft über die Bühne und projizieren Bilder an die Wand.

Schöne analoge Welt: Wo heute sonst Laptops und Beamer dominieren, sind sinnlich ratternde Projektoren hier am Werk, und die vertraute Mechanik schrappt ein Dia vors andere – ein Bilderregen von 400 an der Zahl, der vom Comic-Superman bis zum berühmten Nacktfoto Marylin Monroes reicht. Und damit mehr Beliebigkeit erzeugt, als dem Stück guttut.

Illustration ist der Regie natürlich zu wenig. Die fast autonome Performance menschlicher Maschinen setzt der Textebene so viel entgegen, dass die Aufmerksamkeit sich spaltet. Und: Die weibliche Bühnen-Gesellschaft lässt den Akteur Hartmann eben nicht so isoliert erscheinen, wie es sein Text-Ego aus dem Lautsprecher behauptet. Diesem gelingen gute Sprachbilder von Zeit und Tod. Wie etwa das von der Friedhofs-Witwe, deren Zeitmaß vom Gattengrab bestimmt wird: „Sie lebt für den Tod und ist tot fürs Leben.“