17.10.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Sündige Abenteuer in Afrika

Pressespiegel

 

17.10.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Sündige Abenteuer in Afrika

Theater: „Freetown“ im Pumpenhaus

Die Bühne im Pumpenhaus ist knöcheltief mit leeren Bierdosen bedeckt, die einen Höllenlärm machen, wenn sich Pam, Liese und Nadja ihren Weg zu den Liegestühlen
bahnen. Das Ganze nennt sich „Venus Beach“ und stellt ein Touristen-Resort in Afrika dar, in dem erfolgreiche Singlefrauen aus Europa „Kultururlaub“ machen und sich dabei von einheimischen
Männer verwöhnen lassen. Von Sex ist im Reiseprospekt zwar nicht direkt die Rede, aber wer zwischen den Zeilen lesen kann, weiß, was Sache ist. Also nehmen die drei auch kein Blatt vor den Mund, wenn sie nach dem Frühstück von ihren nächtlichen Erlebnissen erzählen.

Jagd nach Liebe In „Freetown“ lehnt sich die holländische Theatergruppe Dood Paard thematisch an
den Kinofilm „In den Süden“ von Laurent Cantet an, nur dass hier nicht die äußeren Handlungen im Mittelpunkt stehen, sondern die inneren Beweggründe der Frauen.
Pam will die fremde Welt verstehen. Liese will mit ihren Verehrern ein Kind unter Kindern
sein. Nadja verliebt sich in einen Jungen, von dem sie glaubt, dass sie ihn nach ihrem Erziehungsideal formen kann. Im Wirklichkeit sind sie aber alle auf der Jagd nach Liebe, die ihnen zuhause beim Geldverdienen irgendwie abhanden gekommen ist. Aber das wollen sie sich nicht eingestehen – deshalb werden sie am Ende auch enttäuscht. Mit Ellen Goemans, Lies Pauwels und Manja Topper
sind hier drei hervorragende Darstellerinnen am Werk. In knappen Strandkleidern, die viel Haut zur
Schau stellen, legen sie wortreich die Gefühlswelten der Protagonistinnen offen. Die pointierten Dialoge (Text: Rob de Graaf) wabern um das Rollenverständnis von Mann und Frau, um die Unterschiede zwischen erster und dritter Welt und um die Zusammenhänge zwischen Sexurlaub
und Entwicklungshilfe. Das hat zunächst stark kabarettistische Qualitäten, geht dann aber immer
mehr in die Tiefe, bis sich am Ende die Frage stellt, welchen Wert Zuneigung noch haben kann,
wenn ihr Preis von den wirtschaftlichen Verhältnissen diktiert wird.

Mit „Freetown“ ist Dood Paard ein kluges, hellsichtiges und erfrischend witziges Stück über die Jagd
nach Liebe in Zeiten der Globalisierung gelungen. Auch wenn bei der Aufführung im Pumpenhaus die
deutsche Übertitelung den Blick oft von den wunderbaren Schauspielerinnen ablenkte.