07.10.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Wie man zu einem Diener wird

Pressespiegel

 

07.10.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Wie man zu einem Diener wird

Theater: Sycorax erforscht Robert Walser

Am ersten Weihnachtstag 1956 wurde der Schweizer Schriftsteller Robert Walser tot in einem Schneefeld nahe der Heilund Pflegeanstalt Herisau gefunden, in der er die letzten 23 Jahre seines Lebens verbracht hatte. Diese Szene stellt das Theater Sycorax im Pumpenhaus mit einem Mantel
und einem Hut nach. Um die Kleidungsstücke herum stehen die Schauspieler, bis sie nacheinander in die Sachen des Toten schlüpfen und ihn wieder zum Leben erwecken.

„Ich bin vergessne Weiten“ ist eine poetisch-dramatische Annäherung an einen Autor, der das Kleine gefeiert und damit Großes geschaffen hat, auch wenn er zu Lebzeiten damit wenig Erfolg hatte. Walsers literarische Methode bestand in einer bewusst betriebenen Zurücknahme des eigenen Ichs bis hin zur Auslöschung der Persönlichkeit, um auf diese Weise Missstände in der Gesellschaft anzuprangern. Am deutlichsten lässt sich dieses subversive Vorgehen in „Jakob von Gunten“ verfolgen, wo sich der Protagonist im Institut Benjamenta zum Diener ausbilden lässt.

Dieser Roman und andere Texte bilden das Material für die Inszenierung von Paula Artkamp und Manfred Kerklau. Unaufdringlich, aber sehr differenziert spielt das Ensemble Szenen aus Walsers Texten nach und setzt sie in Beziehung zu seinem Leben. Die Art, wie sich der Schriftsteller als „stellungsloser Handelsbeflissener“ um Büroarbeiten bemüht oder in möblierten Zimmern Zuflucht
sucht, weist deutliche Parallelen zu der Dienerschule auf, wo die Zöglinge auf Demut getrimmt
werden, indem sie immer wieder das Verbeugen üben oder imaginären Staub vom Fußboden wischen
müssen.

Die Tristesse solchen Daseins betont Sycorax durch eine spärlich beleuchtete Bühne und farblos gekleidete Darsteller. Und durch eine Choreografie, bei der sich die Akteure wie eine Armee von grauen Angestellten bewegen. Das einzige Mittel, dieser Hoffungslosigkeit zu begegnen, ist Ironie. „Wie bin ich glücklich, dass ich in mir nichts Achtenswertes mehr zu finden vermag“, heißt es kurz vor Ende der sehenswerten Aufführung. Dann rieselt Konfetti-Schnee herab und deckt die Misere
sanft zu.