20.09.2011 – Arndt Zinkant / Westfälischen Nachrichten: Gewalt wütet im engen Käfig

Pressespiegel

 

20.09.2011 – Arndt Zinkant für die Westfälischen Nachrichten
Gewalt wütet im engen Käfig

Bombenalarm! Der Donner bohrt sich ins Gehör. Von der eisig flirrenden „Discokugel“ an der Decke prasseln Lichter wie Granatsplitter auf die Netzhäute des Publikums. Und eine Handvoll junger Männer windet sich auf der Bühne des Pumpenhauses, vor Schmerz brüllend. Während manche Theatermacher das Publikum behutsam auf ihre Seite ziehen, wird beim palästinensischen „Freedom Theatre“ direkt zur Attacke geblasen. Eine Stunde lang feuern die Theatermacher quasi aus allen Rohren auf alle Sinne – bis der Qualm sich verzogen hat, sie selbst ganz erschöpft neben sich stehen und der Applaus sich wie aus Erschöpfung hochschraubt. Aggressives, körperliches Theater, das nicht kaltlässt.
Dass das Stück „Sho Kman? – Was noch?“ voller Wut steckt, kann nicht überraschen. Im April dieses Jahres wurde Juliano Mer-Khamis, der frühere Theaterleiter, von bislang unbekannten Tätern ermordet. Mer- Khamis, Sohn eines palästinensischen Vaters und einer jüdischen Mutter (die in den 80er Jahren schon ein ähnliches Projekt leitete), hatte 2006 das Theater neu gegründet. Jugendlichen Schauspielschülern soll es im besetzten Flüchtlingslager Jenin eine Möglichkeit bieten, die Gewaltspirale künstlerisch zu hinterfragen. Ein Kurzfilm führte das Publikum in die Thematik ein; „A big Prison“, ein großes Gefängnis nennt Juliano Mer- Khamis darin seine Heimat.

Wie ein Gefängnis-Horrortrip. Hier ist nichts leise oder gar subtil. Hier werden keine politischen Zusammenhänge hinterfragt. Hier werden wütende junge Männer in einen Käfig und die Gewaltspirale in Gang gesetzt. Die künstlerischen Mittel sind einfach, aber stark: Licht- und Sound-Design suggerieren Enge und Aggression. Ein militärischer Schleifer drangsaliert die Jungen in verschiedenen Maskierungen: Der des Anführers, des sadistischen Besatzers, ja sogar mit weiblicher Perücke. Wenn Politiker und Kameras anwesend sind, wird kurz heuchlerisch das Hohelied der Freiheit jubiliert – danach bleibt alles beim Alten. Es gibt keinen Ausweg für die drahtigen Kerle, die sich einer Hackordnung unterwerfen, in der der Schwächste am Ende das Leben lässt. 

Weil das Stück für internationales Publikum gedacht ist, sprechen alle in einer Fantasiesprache. Sprechen? Sie keuchen, grunzen und brüllen einander die Hölle heiß. Auf Arabisch ist nur jener Rap, den einer zu orientalischem Beat ins Publikum bölkt. Die echte Ghetto-Wut, aus der diese oft nervige Musik entstand – hier wird sie wieder spürbar.