14.09.2011 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Geometrischer Tanz, improvisiertes Leben

Pressespiegel

 

14.09.2011 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Geometrischer Tanz, improvisiertes Leben

„Passerelle“ brachte jungen Tanz aus Belgien ins Pumpenhaus

Fünf Tänzerinnen marschieren über die Bühne des Pumpenhauses, die Arme lang nach unten gestreckt, die Rücken gerade. Unermüdlich ziehen sie ihre Kreise, in der Gruppe oder zu zweit, zu dritt, mal umeinander herum, mal gerade, in einer Reihe. Eine kühl kalkulierte, geometrische Choreografie, die von den konzentrierten Tänzerinnen Präzision erfordert.
Die in ihrer stetigen Wiederholung geradezu meditativ wirkende Tanzperformance ist choreographiert von Benjamin Vandewalle und Vincenzo Carta, ehemalige Schüler von Anne Teresa de Keersmakers renommierter, belgischer Ausbildungsschule P.A.R.T.S. Der analytische Stil dieser Ausnahme-Choreographin ist hier kaum zu verkennen. Bemerkenswert ist, dass die Produktion nicht aus einer festgelegten, choreographischen Struktur besteht, sondern aus gegenseitigen Impulsen der Tänzerinnen, die in jeder Aufführung neu entstehen. Dass die fünf Performerinnen allesamt aus dem Laien- und Nachwuchsbereich stammen, spricht für die hervorragende Arbeit Vandewalles und Cartas, deren Stück „WeAllGo“ im Rahmen von „Passerelle“ entstanden ist. Diese in der zeitgenössischen, flämischen Tanzszene einzigartige Plattform für jungen Tanz brachte bereits berühmte Profitänzer und -choreographen, wie Sidi Larbi Cherkaoui oder Lisbeth Gruwez, mit semi-professionellen Darstellern zusammen.

„Contamination“, das zweite Tanzstück des Abends, lässt den Tänzerinnen mehr Freiheit. Sechs junge Frauen sitzen auf einer Bank, unterhalten sich leise. Eine siebte findet dort keinen Platz, dafür ist die Bühne frei für sämtliche Ereignisse, die das Leben bereit hält. Angeschlagen torkelt die ausdrucksstarke Performerin über die Bühne, wuchtet ein imaginäres Fass vor sich her, kratzt sich nervös am ganzen Körper oder mimt Übelkeit bis zum Erbrechen. Andere kommen hinzu, ahmen nach oder geben Impulse für Neues. Choreograph Nicolas Vladyslav sucht nach Möglichkeiten, den Charakter unerwarteter Situationen abzubilden, indem er seine Tänzerinnen Bewegungssequenzen kopieren lässt.

Das funktioniert nicht immer fließend und wirkt erst dort ästhetisch, wo die Darstellerinnen synchron agieren. So wirkt das Stück wie ein offen gelegter Arbeitsprozess, von diverser Improvisation bis hin zur ansprechenden Choreographie.