12.09.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Vertreibung aus dem Zauberwald

Pressespiegel

 

12.09.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Vertreibung aus dem Zauberwald

Theater: Pumpenhaus startet mit „Young & Furious“ entfesselt in die neue Saison

Ein mehr als zweistündiges Stück im Pumpenhaus, das ist ungewöhnlich.
Normalerweise kommen die Darbietungen in diesem Theater eher kompakt daher. Aber zur Spielzeiteröffnung darf es gern ein bisschen mehr sein. Zumal hier zwei Regisseure am Werk sind, die
sich in den letzten Jahren einen gewissen Ruf erworben haben – Samir Akika als der neue junge Wilde des Tanztheaters und Johannes Fundermann als hoffnungsvoller Nachwuchs mit Gespür für Themen, die junge Erwachsene beschäftigen. „Young & Furious“ ist ihre erste gemeinsame Arbeit.

Am Freitag war Premiere, und die konnte sich sehen lassen. Drei Männer und fünf Frauen
sind am Start. Alle in einem Alter, in dem man sich fragt, was man will im Leben und wer man eigentlich ist. „Eigentlich bin ich ein Mann“, sagt ein Mädchen und erklärt dann auf Niederländisch, warum das so ist. Ansonsten geht das Stück aber auf Deutsch und Englisch über die Bühne. Und in der internationalen Sprache des Tanzes, bei dem sich Modern Dance effektvoll mit Hip-Hop,
Pogo und anderen Formen jugendkultureller Selbstdarstellung mischt.

Eine durchgehende Handlung gibt es nicht, dafür einen roten Faden, der sich kurvenreich
durch Themen wie Politik, Ökologie und zwischenmenschliche Beziehungen schlängelt. Al Gores Engagement für den Klimaschutz wird als eitel entlarvt, und das Klonschaf Dolly erfährt eine letzte große, wenn auch ironisch eingefärbte Würdigung. Dazwischen interpretieren
die Darsteller Lieder von Elvis Presley und Edith Piaf, trampeln auf Kuscheltieren rum oder erzählen Vampirwitze. Und natürlich versauen sie die Bühne, dass es eine Art hat und der am Rand
postierte Techniker einschreiten muss, um den wilden Haufen mit einem gerappten Fluch aus seinem Zauberwald zu werfen wie Gott einst Adam und Eva aus dem Paradies. Das so eingeleitete Finale führt dann zu noch größerer Enthemmung, bei der das Ausspucken von Milch und Mayonnaise noch zum Harmlosesten gehört. Es mache ihr Spaß, dumme und unvernünftige Dinge zu tun, denn später im Leben sei dafür kein Platz mehr, erklärt eines der Mädchen und hat damit wahrscheinlich nicht ganz unrecht.

Als das Stück nach gut zwei Stunden mit einem wenig seriösen Appell endet, für die bedrohten Delfine zu spenden, hat der Zuschauer wildes, chaotisches und bewusst unausgegorenes Theater erlebt, das Jugend in ihrem ganzen faszinierenden Ungestüm zeigt. Sehenswert.