11.07.2011 – Arndt Zinkant / Westfälischen Nachrichten: Kaspar-Hauser-Variante mit satirischem Einschlag

Pressespiegel

 

11.07.2011 – Arndt Zinkant für die Westfälischen Nachrichten
Kaspar-Hauser-Variante mit satirischem Einschlag

Das Publikum kichert, wenn er vorwitzig den Kopf aus der Tonne streckt. Nicht wie einst Diogenes, denn seine Tonne ist für den Müll. Er springt behände rein und raus, und wenn er etwas Essbares in die Finger kriegt, wird es sofort verspeist. Fragt man den Jungen nach seinem Namen, sagt er nur: „Ich war eine Ratte.“

Die Inszenierung des Schrägstrichtheaters verarbeitet einen Stoff von Philip Pullman – eine Variation über die Geschichte vom „Wolfsjungen“, der in der menschlichen Gesellschaft zum Außenseiter verdammt ist. Dass die Hauptfigur hier gar behauptet, von Ratten abzustammen, macht ihn noch drastischer zum Underdog. Unter der Regie von Annette Knuf und Manfred Kerklau traten im Pumpenhaus überwiegend Darsteller mit geistiger Behinderung auf. Mit so viel Spielfreude, dass diese eigentlich traurige Kaspar-Hauser-Variante ein satirisches Augenzwinkern bekam, das seine Wirkung im begeisterten Publikum nicht verfehlte. Es spielten Kai Ackermann, Kirsten Buldermann, Sebastian Dosche, Pia Humborg, Tom Kaven, Melanie Nicolaysen und andere.

Der „Rattenjunge“ wird von wohlmeinenden Bürgern zunächst „Paul“ getauft, dann aber von Nachbarskindern gehänselt und gemobbt. „Geh doch zurück in die Kanalisation!“ Technokratische Weißkittel vermessen, studieren und katalogisieren das sensationelle Findelkind. Das Unheil nimmt seinen Lauf. Giftige Stimmen flüstern aus dem Off über diffuse Ängste, deren symbolischer Bezug zur „Rattenplage“ offensichtlich ist. Bernd Kortenkamp und sein bizarrer „Wachtelrealisator“ malen die bedrohliche Klangkulisse, als Bösewichte vom Zirkus den „Rattenjungen“ für ihre Freakshow kidnappen. Zum Glück entkommt Paul am Ende seinem Käfig. „Das ist doch ein Junge!“, ruft eine Frau.