10.06.2011 – Isabell Steinböck / Westfälische Nachrichten: Tanzender Mime aus Tokio

Pressespiegel

 

10.06.2011 – Isabell Steinböck für Westfälische Nachrichten
Tanzender Mime aus Tokio

Eine weiße Tasse nebst Unterteller schwebt in der Luft, dahinter positioniert sich der Tänzer und Choreograf Jun Takahashi, probiert diverse Szenen. Mal scheint er das Geschirr servieren zu wollen, mal wehrt er es ab, dann wiederum setzt er sich schmunzelnd darunter. „Science Fiction“ ist der Titel von Jun Takahashis ausdrucksvoller Tanzproduktion, die im Pumpenhaus Deutschlandpremiere feierte. Es ist die zweite, große Choreografie des Abends.
Zuvor zeigten drei Tänzerinnen seiner Compagnie„JunJun Science“ aus Tokio das 15-minütige Tanzstück „Anagram“, ebenfalls zum ersten Mal in Deutschland. Gleich den Buchstaben eines Anagramms stellen Verena Kutschera, Gesa Piper und Asayo Hisai wechselnde Dreierkonstellationen dar, bis hin zu synchronem Tanz; dynamische Momente wechseln mit statischen Positionen.

„Anagram“ und „Science Fiction“ sind als Benefiz-Vorstellung organisiert; um so bedauernswerter, dass die Zuschauerreihen nur spärlich besetzt waren. Alle Einnahmen der Tänzer, die ohne Gage auftraten, fließen in engagierte Projekte japanischer Tänzerinnen und Tänzer, die mit und für die Bewohner von Notunterkünften in der Region Tohoku arbeiten. Dieses Gebiet wurde im März am stärksten von Erdbeben und Tsunami zerstört. 

Fliegendes Teegeschirr, ein Buch, das sich verselbstständigt, Gliedmaßen, die ein Eigenleben führen. Jun Takahashi spielt diverse Szenen durch, virtuos im Tanz, oft mit einem Schmunzeln auf den Lippen oder mit vielsagenden Blicken. Nicht umsonst vergleichen Kritiker seinen Stil mit früheren Arbeiten Saburo Teshigawaras, der als Tänzer wie auch als Mime berühmt geworden ist.

Dabei versteht es Takahashi, klassische Musik und mitunter skurrile Tanzszenen ästhetisch zu vereinen. Faszinierend, wie es ihm gelingt, seinen Kopf schwer und scheinbar leblos werden zu lassen, wie sich der Körper dem Willen zu widersetzen scheint, und der Arm tanzt, wie er will. Oder wenn er einem Buch nachjagt, bis hin zum fantastischen Pas de deux mit dem Requisit. 

Am Ende dann scheint der Tänzer selbst schwerelos geworden zu sein. Hinter einer Leinwand, mit einer Lampe ausgestattet, verwischen sich seine Konturen tatsächlich wie in einem Science- Fiction-Streifen.