09.06.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Die Kindertänzer gehen auf Tuchfühlung

Pressespiegel

 

09.06.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Die Kindertänzer gehen auf Tuchfühlung

Tanz: Innovatives von Gintersdorfer/Klaßen

Am Anfang war die Scham sich vor so vielen Leuten zu produzieren. Aber je öfter sie tanzten, desto besser wurden sie. Und die Scham verwandelte sich in jenes latent aggressive Selbstbewusstsein, mit dem sie jetzt im Pumpenhaus auf der Bühne stehen, sich in den Hüften wiegen und mit den Füßen Trommelwirbel auf den Bretterboden schlagen.

Anelka Chanel und Prince Kreol sind enfants danseur, Kindertänzer. Ihre Welt ist die Partymeile von Abidjan an der Elfenbeinküste. Wo sich ein Open-Air-Club an den anderen reiht, tanzen sie zwischen den Tischen der Erwachsenen. Und wenn man sie an einer Stelle vertreibt, tauchen sie an einer anderen wieder auf. Denn das Leben kostet Geld, und das muss irgendwie verdient werden.

Die Berliner Theatermacher Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen haben die beiden Kindertänzer für ihr gleichnamiges Stück nach Deutschland geholt. Zusammen mit dem Choreografen Franck Edmond Yao und einem ivorischen Sänger schildern die Jungs ihren Werdegang. Das fängt mit den ersten zaghaften Tanzschritten an.  Dann formiert man sich zu einer Gruppe, wird von einem windigen Produzenten übers Ohr gehauen und schließlich von einem Profi unter die Fittiche genommen. Der drillt sie so lange, bis sie ihren Tanz zur Perfektion gebracht haben.

Dass „Die Kindertänzer“ trotz des Themas nicht in Sozialromantik ausarten, dafür sorgt der rastlose Tanz, der sich Couper Décaler nennt und modernen Hip Hop mit traditionellen afrikanischen Rhythmen verbindet. Vorgestellt werden unterschiedliche Tanzstile vom geschmeidigen „Baby ohne Knochen“ bis hin zur zappeligen „Vogelgrippe“. Als Bühnensprache dient ivorisches Französisch, das Hauke Heumann synchron übersetzt, und zwar so, dass die Übersetzung zu einem zusätzlichen inszenatorischen Element wird.

Was das Ensemble hier betreibt, ist intensive Selbstdarstellung. Und sie verfehlen ihre Wirkung nicht. Offensiv und stolz präsentieren sich die Tänzer und gehen dabei mit dem Publikum auf Tuchfühlung. Gleichzeitig wird das Ganze aber ironisch wieder so geschickt gebrochen, dass man sich schwer tut, es in eine Schublade zu stecken. Außer man hat eine, auf der „innovativ, eindrucksvoll, mitreißend“ steht.