23.05.2011 – Gerold Marius Glajch / Westfälischen Nachrichten: Verwirrspiel mit der Identität

Pressespiegel

 

23.05.2011 – Gerold Marius Glajch für die Westfälischen Nachrichten
Verwirrspiel mit der Identität

Miriam Yung Min Stein ging in „Black Tie“ auf die Suche nach dem „Ich“

Eine grazile Frau steht inmitten des großen Saals im Pumpenhaus. Auf dem Bühnenboden liegt ein überdimensionaler Ausdruck ihres komplett sequenzierten Genoms als Folie. Im Raum verteilt ist moderne Computertechnik. Von der Decke herab hängt eine große Leinwand. Im hinteren Bereich hat sich der Musiker „Ludwig“ eine eigene kleine Studiolandschaft aufgebaut. Mit sphärischen Klängen und live gespielten Balladen zur E-Gitarre wird er die gut 70-minütige Inszenierung „Black Tie“ musikalisch begleiten. 
Die junge Frau auf der Bühne stellt sich vor als Miriam Stein. Verwirrspiel mit der Identität: Genau darum geht es an diesem Abend im Pumpenhaus. Miriam, die 1977 im Alter von neun Monaten als Park Yung Min ihren deutschen Adoptiveltern in Osnabrück übergeben wurde, wird 276 Mal im Verlaufe des Stücks „Ich“ sagen – „ und doch nie wissen, wer damit gemeint ist.“

„Black Tie“ ist eine Produktion des Labels „Rimini Protokoll“, hinter dem die Berliner Theatermacher Helgard Haug und Daniel Wetzel stecken. Miriam Yung Min Stein, die Journalistin, tritt mit „Black Tie“ seit zweieinhalb Jahren in Theatern überall in der Welt auf, zuletzt in Yokohama, 14 Tage vor dem großen Erdbeben. 

Sie berichtet im routinierten Plauderton von ihrer Adop­tion, ihren Adoptiveltern und ihrer beinahe schon aggressiven Einstellung zur Adoptionswelle. Trotz der oft intimen Einblicke, die sie dem Publikum gewährt, wirkt sie kühl-distanziert, so als spreche sie über ein ihr fremdes Wesen. „Du bist niemals ganz in – und du passt niemals ganz nach außen“, sagt sie. 

Miriam Yung Min Stein vermeidet aber die kalkulierte Nabelschau. Mit Fotos und Dokumenten, die sie wie eine Magierin mittels Datenhandschuh auf die Leinwand projiziert, setzt sie ihre Berichte in einen historischen, ethnischen und wissenschaftlichen Zusammenhang. Sie gibt Nachhilfe in der Geschichte Koreas, sie zeigt ein aktuelles Video von der Übergabe eines koreanischen Kindes an die Adoptiveltern, und sie führt einen Ausschnitt aus einer koreanischen Fernsehshow vor, in der eine junge Frau aus Deutschland erstmals auf ihre leiblichen koreanischen Eltern trifft. Bizarre Szenen. 

Miriam erzählt von ihren Erfahrungen, als sie 2006 erstmals in Korea war – und über die widersprüchlichen Ergebnisse ihrer beiden Erbgut-Analysen. Mit der Koreanerin Hye-Jin Choi präsentiert sie eine mögliche Alltagsvariante von sich, wäre sie in Korea aufgewachsen.

Und der Zuschauer? Der geht mit dem Kopf voller Fragen über die eigene Identität nach Hause.