23.05.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Die Suche nach dem Ich

Pressespiegel

 

23.05.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Die Suche nach dem Ich

Theater: „Black Tie“ im Pumpenhaus

Es gibt Kinder die kommen aus dem Bauch und es gibt Kinder, die kommen aus dem Flugzeug. Park Yung Min gehört zu letzteren. Gefunden hat man sie als Baby in Südkorea. In einer Schachtel wie es heißt. Was aber nicht stimmt, wie sie später erfährt. Adoptiert wird sie dann von einem Paar in Osnabrück. Jetzt ist sie Miriam Stein und wächst als Deutsche auf, sieht aber nicht aus wie eine Deutsche. Später wird sie ihr Geburtsland besuchen. Dann sieht sie aus wie eine Einheimische, wird aber kein Wort verstehen von dem was die sagen. Irgendwann fängt sie an darüber nachzudenken, wer sie eigentlich ist.

Miriam Stein bzw. Park Yung Min ist keine Schauspielerin, sondern Journalistin. Sie spielt auch keine Rolle, sondern hält eine Art Vortrag in der Doku-Performance „Black Tie“, mit der die Berliner Theaterformation Rimini Protokoll im Pumpenhaus gastierte. Das Thema ist die Suche nach ihrer Identität. Dazu hat sie sich ihre DNA auf den Boden gelegt. Sie besteht aus drei Milliarden Zeichen und unterscheidet sich von der des amerikanischen Genforschers Craig Venter nur um 0,1 Prozent.

Hilft ihr das weiter? Offenbar nicht. Wenn sie sich mit der Taschenlampe in dem Buchstaben- und Zeichengestrüpp auf die Suche nach ihrem Ich macht, findet sie zwar ein Gen, das für ihre Laktose-Intoleranz verantwortlich ist, und eines, das sie als rastlose Person auszeichnet. Aber das war´s dann auch schon. Also Geschichte. Die von Korea steht zur Debatte und die deutsche. Und natürlich ihre eigene, die sich irgendwo dazwischen befindet und ständig um das Thema Adoption kreist. Ist es eine gute Tat, wenn ein Paar ein Baby adoptiert, um sich damit einen Kinderwunsch zu erfüllen?

Rationales Vorgehen

Miriam Stein geht bei ihrer Ich-Suche streng rational vor. Sie arbeitet mit Bildern und Videos, die sie per Datenhandschuh steuert, und reduziert ihre Rolle zeitweise auf die einer Versuchsanordnung. Einen Kontrapunkt zu dieser quasi wissenschaftlichen Methode setzt Hey-Jin Choi. Als Alter ego der Protagonistin liefert sie einen Entwurf, wer diese hätte sein können, wenn sie in Korea aufgewachsen wäre.

Natürlich wird so das Geheimnis der Identität nicht gelüftet. Aber der Versuch – und was soll „Black Tie“ in erster Linie wohl sein – gestaltet sich spannend, obwohl er auf all das verzichtet, was sich Theater über die Jahrhunderte ausgedacht hat, um in die Herzen der Zuschauer zu dringen.