20.05.2011 – Isabell Steinböck / Westfälische Nachrichten: Gegensätze eines Egomanen

Pressespiegel

 

20.05.2011 – Isabell Steinböck für Westfälische Nachrichten
Gegensätze eines Egomanen

Stehende Ovationen für osé Navas im Pumpenhaus

José Navas hat seine Garderobe hinten auf der dunklen Bühne platziert. Routiniert und gelassen wechselt der Tänzer seine Kostüme, während das Publikum darauf wartet, dass er in die nächste, kurze Rolle schlüpft. Sechs verschiedene, eigene Choreografien zeigte der in Venezuela geborene Tänzer an seinem Soloabend „Personae“. Im Pumpenhaus kam die Produktion zur Deutschen Erstaufführung, nur drei Tage nach der Uraufführung in Brügge. 
Eine künstlerische Heimat hat José Novas mit seiner Compagnie Flak in Montréal (Kanada) gefunden, im Pumpenhaus war der Tänzer und Choreograf bereits mit „Miniatures“ vertreten. Auch „Personae“ scheint aus Miniaturen zu bestehen. José Navas stellt in Kurzchoreografien Figuren dar, die zusammenhanglos scheinen, wobei sich der Sinn nicht immer erschließt.

Der Tänzer überrascht durch Gegensätze: Mal tritt er als romantische Dame in hochhackigen Schuhen auf, mal als selbstverliebter Mann im Anzug. José Navas zeigt eine ästhetische, abstrakte Choreografie, die inhaltlich Rätsel aufgibt, ebenso wie ein Solo, in dem er, schwarz-weiß gekleidet wie ein Priester, die heilige Maria anzubeten scheint.

Darauf wiederum folgt ein trashiges Tanzstück, das vor Aggression und Antipathie nur so sprüht. Mit einem Hundekopf tänzelt José Navas in Unterhose über die Bühne, kriecht hechelnd auf allen Vieren, und ballert schließlich mit einer imaginären Pistole durch die Gegend; dazu tönt Patti Smiths Song „Spell“, der von einer Welt handelt, in der „alles“ heilig ist. 

José Navas zeigt Solostücke, die ihn als eigenartigen Egomanen darstellen, wäre da nicht die letzte Choreografie zu Maurice Ravels „Boléro“. Zeichnete sich der Soloabend bis dahin bereits durch gelungene Interpretation von Musik durch Tanz aus, der sich vor allem auf Armbewegungen bezieht, so ist die Kunst hier zur Perfektion getrieben.

Bis in die Fingerspitzen interpretiert José Navas die Komposition, in einer Choreografie, der sich zum Finale hin derart schnell und virtuos steigert, dass der Tänzer zu Ravels wunderbar-mitreißender Musik wie in Trance scheint. In seinem punktgenauen, hochenergetischem Tanz ist jede Eitelkeit vergessen.

Das Publikum dankte mit stehenden Ovationen.