12.05.2011 – Sabine Müller / Münstersche Zeitung: Interview mit Mark Sieczkarek: „Ich habe immer getanzt“

Pressespiegel

 

12.05.2011 – Sabine Müller für dei Münstersche Zeitung
Interview mit Mark Sieczkarek: „Ich habe immer getanzt“

Mark Sieczkarek ist einer der eingeladenen Choreografen beim Tanzfestival NRW, das bis zum 15. Mai in acht Städten stattfindet. Er zeigt im Theater im Pumpenhaus drei Stücke. Im Interview erzählt er von seiner Arbeit, von Pina Bausch und wie er Buddhist wurde.

Was ist Tanz für Sie?
Da fallen mir spontan zwei Aussagen ein. Eine stammt von der amerikanischen Tänzerin und Choreografin Martha Graham. Sie sagte, es gebe nur zwei Arten von Tanz: den der Freude und den des Schmerzes. Und Pina Bausch sagte: „Mich interessiert nicht so sehr, wie sich Menschen bewegen, als was sie bewegt“. Das kann ich beides so unterschreiben. Tanz ist mein Leben. Er war immer da. Wie ein Ruf, eine Berufung.

Wann haben Sie angefangen zu tanzen?
Da war ich sehr jung, acht Jahre etwa. Es gab in der Schule eine so genannte kreative Stunde, da konnte man malen oder basteln. Ich habe getanzt.

Haben Ihre Eltern das unterstützt?
Ja, mein Vater hat selbst Geige gespielt. Meine Eltern haben gesehen, dass ich immer getanzt habe, sobald irgendwo Musik lief. Ich stamme ja aus Schottland, also haben sie mich zuerst zum schottischen Volkstanz geschickt. Aber das hat überhaupt nicht geklappt. Dann kam ich auf die Ballettschule. Meine Lehrerin damals hat gesehen: Da ist etwas! Also schickte sie mich nach London, und ich war schon mit elf Jahren an der Royal Ballet School.

Welcher Tanz hat Sie denn interessiert?
Anfangs dachte ich, es gibt nur Ballett! Es waren die 70er Jahre, da gab es im Fernsehen keinen modernen Tanz, erst nach und nach habe ich gesehen, dass es auch so etwas wie modernes Tanztheater gibt. Ich ging nach Amsterdam und Rotterdam, wo ich auch die Lust an der Choreografie entdeckte. Mehrere Leute rieten mir dann, ich sollte zu Pina Bausch gehen. Es gab in der Rotterdamer Gruppe auch einen Kontakt zu Pina. Drei Jahre war ich fest bei ihr engagiert und drei Jahre als Gast.

Wie haben Sie die Zeit mit Pina Bausch und dem Wuppertaler Tanztheater erlebt?
Es war eine sehr wichtige Zeit. Ich konnte den Prozess von Pinas Arbeit direkt erleben. Ich habe gesehen, wie viel und wie hart man arbeiten muss, um es wirklich gut zu machen. So wie Pina sich bewegt hat, was sie bewegt hat, das was mir sehr nah: So bewege ich mich auch! Und Pina hat auch immer Leute gesucht, die wie sie waren. Wenn Leute heute über meine Arbeiten sagen, es sieht aus wie bei Pina Bausch, ist das also kein Zufall.

Warum sind Sie weggegangen?
Wenn ich länger geblieben wäre, wäre ich mein Leben lang dort geblieben. Das ist wie eine Familie, selbst nach Pinas Tod, und ich gehöre auch immer noch dazu. Aber ich wollte damals einen Schnitt, wollte mein eigenes Ding machen. Pina riet mir, ich solle zum Folkwang-Tanzstudio gehen. Ich habe viel freischaffend gearbeitet und dann 1998 meine eigene Compagnie gegründet.

Beschreiben Sie, was beim Tanzfestival NRW in Münster von Ihnen zu sehen sein wird.
Ich zeige drei Stücke und alle haben eine bestimmte Poesie. Sie sind ruhig. Nicht dass sie langsam sind, sie haben eher eine innerliche Ruhe. Richtig beschreiben kann ich das gar nicht. Ich habe eine Idee von dem, was ich mache, aber ich finde es gut, wenn es nicht so klar ist. Es ist meine Welt, die auf die Bühne kommt. Ich lade das Publikum ein, hineinzukommen in meine Welt. Das kann schön sein. Aber auch schwierig.

Warum schwierig?
Ich mache kein Entertainment, keine Unterhaltung. Man muss sich einlassen, bereit sein zu einer Reise.

Können Sie das konkreter machen?
Ich war im Januar gerade im Urlaub in Brasilien, als ich den Anruf von meiner Agentin bekam, ich solle drei Stücke für das Pumpenhaus machen. Da waren schlagartig die Ferien vorbei. Ich war oft im Botanischen Garten in Rio de Janeiro, das war wunderschön. Da kam mir die Idee, dort zu filmen. Die Videos, die in enger Zusammenarbeit mit dem Videokünstler Oliver Iserloh entstanden sind, sind jetzt ein Element in dem Solo „In Person“, das ich in Münster tanze. Die Musik ist brasilianisch, eine Collage, die ich selbst zusammengestellt habe. Es wird melancholisch, aber auf eine schöne Art.

Das zweite Stück, das Sie in Münster zeigen, heißt „Moon Song“ – Mondlied. Worum geht es?
Es ist wie eine Liebesgeschichte, erzählt auf eine sehr einfache Art. Jeong Lee aus Korea – eine große Entdeckung für mich – tanzt mit mir zusammen, fast eine Stunde lang, aber wir berühren uns fast nie. Es ist sehr fein gezeichnet, es geht um das Erspüren von Stimmungen.

Bei „Moon Song“ gibt es auch einen Sänger.
Ja, Ömer Temizel, Tenor an der Düsseldorfer Oper, wird türkische Volkslieder singen. Es ist aber auch Musik von John Adams und Philip Glass zu hören. Auch die koreanische Kultur hat mich bei dem Stück stark beeinflusst. Ganz besonders wird das Kleid von Jeong Lee: Sigrit Lachnitt hat zwei Monate daran gearbeitet. Es ist ein Kunstwerk.

Das dritte Stück „Oblivion Sauve“ ist nicht ganz neu.
Nein, das gab es schon mal, aber ich habe für Münster mehr als die Hälfte neu choreografiert. Acht Tänzer sind auf der Bühne. Das Bühnenbild ist eine Wand aus Papier, die mit Hunderten von Lotusblumen bemalt ist. Bei dem Stück hat mich Volkskunst und Musik aus Japan, Pakistan, Indien, Korea und Tibet beeinflusst. Es ist meditativ, obwohl es viel Bewegung gibt. Ich zeige hier den Kontrast zwischen Ruhe und Aktivität. Das ist wie beim Meditieren: Man sieht ruhig aus, als ob man schläft, aber man ist sehr wach und bewusst. Ich will kein Stück über das Meditieren machen, aber in meinem Privatleben beschäftige ich mich viel damit.

Meditieren Sie selbst?
Ja, ich bin Buddhist.

Wie sind Sie Buddhist geworden?
Ich war sechs Monate lang arbeitslos, lebte von Hartz IV, befand mich in einem tiefen, dunklen Loch. Irgendwann habe ich gedacht, ich sollte nicht mehr so hilflos sein, sollte mein Leben selbst in die Hand nehmen. Klar, dass Künstler immer ein hartes Leben haben. Aber ich habe nie geglaubt, dass man leiden sollte, um Kunst zu machen. Wenn ich glücklich bin, kann ich besser und kreativer arbeiten. Eine Freundin von mir ist Buddhistin. Ich habe mich damit beschäftigt und ich habe in dieser Religion etwas gefunden. Ich wollte stark sein, nicht von anderen abhängig. Seit ich Buddhist bin, ist alles leichter geworden, ich bin tatsächlich stärker geworden. Seitdem war ich nie mehr arbeitslos.

Was macht Sie stärker?
Das Chanten zum Beispiel. Der Ausdruck kommt vom englischen „to chant“: singen. Das sind meditative Gesänge, die ich täglich wiederhole. Ich übe den Nichiren-Buddhismus aus. Nichiren war ein buddhistischer Mönch, der im 13. Jahrhundert in Japan lebte. Nach seinen Lehren soll man die Silben „Nam-Myoho-Renge-Kyo“ immer wieder rezitieren. Wenn man dieses so genannte Mantra ständig wiederholt, kommt man tatsächlich manchmal in eine Art Trance-Zustand.

Wie machen Sie das genau?
Es ist sehr rituell: Ich habe zu Hause einen Platz, wo ich einen kleinen Schrank habe, darin ist eine Schriftrolle, in der das Mantra steht, ich verbrenne Räucherstäbchen, es gibt eine Blume und ein Glas Wasser, auch Klangschalen.

Steht da auch eine Buddha-Figur?
Nein, in diesem Buddhismus haben wir kein Bild, wir sind alle Buddha.

Und vor dem Schrank beten Sie?
Genau. Ich lasse meine Gedanken gehen oder auch nicht gehen, das ist sehr entspannend.

Wie oft machen Sie das?
Eigentlich sollte man das jeweils eine halbe Stunde morgens und abends machen, aber ich mache das meistens nur morgens. Ich will nicht das Gefühl haben, ohne das kann ich nicht leben, ich möchte nicht abhängig sein davon. Es ist wichtig, es unterstützt mich, aber auch nicht mehr.

Sind Sie ein glücklicher Mensch?
Ja, das bin ich.