18.04.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Helden sind gelb

Pressespiegel

 

18.04.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Helden sind gelb

Theater: Die Farbenlehre Bollywoods im Pumpenhaus

Sieben Kleiderhaufen liegen auf der Bühne des Pumpenhauses, alle fein säuberlich nach Farbe sortiert. Das ist wichtig, weil jede Farbe im Kosmos des Bollywood-Films für ein bestimmtes Gefühl steht.

Grün ist die Liebe, weiß die Komik, gelb das Heldentum, rot die Wut, blau der Ekel, grau der Kummer und schwarz die Angst. Mit dieser Vielfalt an Gefühlen lässt sich durchaus ein Film bestreiten. Und ein Theaterstück auch. Aber irgendwann im Lauf des Abends werden die Kleiderhaufen wild durcheinander geworfen, sodass ein einziger bunter Haufen entsteht und damit ein Kuddelmuddel an Gefühlen. Das ist dann das Leben.
Und genau darum geht in „Hajusom in Bollyland“ – um die Konfrontation des Kinos mit dem Leben. Insbesondere mit dem Leben der 20 Flüchtlinge und Migranten aus Hamburg, die das Stück mit den Regisseurinnen Ella Huck und Dorothea Reinicke entwickelt haben. Sie bauen nicht nur ihre eigenen Geschichten in das Film-Set ein, sondern auch Tanz und Gesang. So kann es passieren, dass sich die farbigen Gefühlswelten des Kinos plötzlich mit Hip-Hop und Szenen aus der Einwanderungsbehörde konfrontiert sehen. Parallel dazu wird in Form von Playback-Theater die Funktionsweise von Bollywood-Filmen demonstriert. Das ist wunderschön und gleichzeitig umwerfend komisch, weil die Darsteller sich so richtig in ihr Spiel hineinlegen.

Tatkräftige Kerle

Man sollte das Geschehen auf der Bühne nicht nur mit den Augen, sondern mit dem Herzen verfolgen, rät eines der Mädchen. Und weil die Truppe ihre Sache so gut macht, funktioniert das auch. Etwa wenn tatkräftige Kerle zarte Mädchen aus brennenden Häusern retten oder wenn zwei Liebende nach vielem Hin und Her doch noch zusammen kommen.
Die Lebenswirklichkeit der Darsteller nimmt sich dagegen weniger prächtig aus. Wahrscheinlich weil sie real ist. Die öde Fließbandarbeit in der Fabrik, die Wut, weil man als Ausländer nicht akzeptiert wird, oder die ständige Angst, abgeschoben zu werden. Aber all dies wird hier eher sachlich abgehandelt. Dadurch entsteht ein wirksamer Kontrapunkt zum Bollywood-Pathos, der die Inszenierung umso sehenswerter macht.