15.04.2011 – Martin Schlak / Westfälischen Nachrichten: Wo Lebenskonstanten wackeln

Pressespiegel

 

15.04.2011 – Martin Schlak für die Westfälischen Nachrichten
Wo Lebenskonstanten wackeln

Marie Brassards Auftritt im Pumpenhaus entpuppt sich als gewöhnungsbedürftig und schrill

Ein umgeworfenes Mikrofon-Stativ, Gitarre und Synthesizer. Sie werfen Schatten auf die Leinwand. Dann ist darauf noch der dunkle Umriss einer Frau zu erkennen. Aber auf der Bühne steht niemand. „Existiere ich eigentlich?“, fragt sich Marie Brassard zu Beginn des englischen Stücks „Me talking to Myself in the future“ („Ich rede mit mir in der Zukunft“) – und tritt auf die Bühne.

In ihrer experimentellen Vorstellung, jüngst zu sehen im Theater im Pumpenhaus, geht die kanadische Performerin auf die Suche nach sich selbst. Sie erzählt verschiedene Sequenzen ihres Lebens, ganz entscheidend getragen von einem elektronisch verzerrten Klangbett und einer permanent laufenden 16-Millimeter-Projektion. Heraus kommt eine gewöhnungsbedürftige, schrille Montage. Die erwachsene Darstellerin begegnet in ihren Gedanken ihrem jugendlichen Ich wieder. Und der sterbenden alten Frau, die sie einmal sein wird. Was ist Zeit, was Einbildung, was Wirklichkeit? Brassard lässt die Grundkonstanten des Lebens ein wenig wackeln. Mehr aber auch nicht.

Früher, erinnert sich die Protagonistin, war das Leben noch so sorgenfrei. Abende am Fluss unter dem Sternenhimmel, Tanzen in der Disko: „Die Musik ließ uns verreisen, jedes Lied in ein anderes Land.“ 

Die Ängste kamen später, der Tod wurde zum Thema: „Ich bin in einem leeren Raum, und dort ist dieser Mann – er will mir Morphium spritzen.“ 

Ist es ein Traum oder ein Blick in die Zukunft? Die Zeitebenen verschwimmen – immer wieder tritt der rätselhafte Mann auf, treffend widergespiegelt in Bild und Ton. Wellen werden projiziert. Sie laufen auseinander, machen Platz für ein schwarzes Loch. Brassard sinkt zu Boden, ihre Stimme bekommt ein Echo. Es droht, dass sie den Kontakt mit der Welt verliert.

Dennoch: Immer wieder gelingt es der Darstellerin auch, die Vorstellungskraft positiv zu nutzen, um sich aus den Abgründen zu befreien. Schließlich stellt sie die Frage nach dem Dasein ganz neu: „Wenn ich etwas erfinde, mir etwas ausdenke, existiert das dann?“ Stimme aus dem Off: „Ja, das existiert dann.“ Aber wer spricht da? Ganz überzeugend klingt es nicht.