06.04.2011 – Hans Gerholt / Westfälischen Nachrichten: Ewiges Wünschen und Sehnen

Pressespiegel

 

06.04.2011 – Hans Gerholt für die Westfälischen Nachrichten
Ewiges Wünschen und Sehnen

Wer Anton Tschechows Bühnen-Klassiker „Drei Schwestern“ (1901) nicht kennt, wird mächtig irritiert sein. Da stürzen nach Szeneanweisungen, per Lautsprecher durchgesagt, Stimmen auf ihn ein. Ein Gewirr von Personen, die alle von einer Frau gesprochen werden. Vierzehn sind es, die Simin Soraya vom Bonner Fringe Ensemble mit Angabe des Namens vorstellt, spricht, spielt, deutet und in einem furiosen Solo als Ritt durch die Tschechow-Welt vermittelt. Als Solo, nicht als Monolog, lief ihre großartige Performance bei der Premiere im Pumpenhaus ab.

„… und doch haben die Birken noch nicht ausgeschlagen.“ Dieser typische Tschechow-Ton ist in den Dialogen der Schwestern Olga, Irina und Mascha präsent, wenn sie sich in der Provinz mit Langeweile, Kopfschmerzen, den Männern und ewigen Sehnsüchten und Wünschen herumschlagen, die es ihnen unmöglich machen, zum Traumziel Moskau aufzubrechen, wo alles besser sein muss. Eine dürstet nach Arbeit, aber als Telefonistin ist sie auch unzufrieden („Arbeit ist ohne Poesie“). Eine verpfändet das Haus wegen Spielschulden, eine sieht den Geliebten sterben, und im vierten Akt steht symbolisch in der Ferne ein Gut in Flammen.

Nicht nur wegen der famosen Gedächtnisleistung, mit der Simin Soraya von einem Charakter zum anderen gleitet, auch in der körperlichen Präsenz als ernste Olga, junge Irina und langsam durchdrehende Mascha leistet sie Vorzügliches. Sie ist von gähnender Leere durchdrungen, bringt frustrierte Sexualität im gymnastischen Akt auf der Sofa-Bank auf den Punkt, und lässt das Stück mit einer Prise Hoffnung enden. Sie wirbelt über den Bühnenboden, der wie eine leicht ansteigende Treppe wirkt (Bühnenbild Eduardo Serú), greift – unter der Regie von Frank Heuel und zur Musikcollage von Georg Schwellenbach – zum Mikro und konfrontiert, mit Abendkleidern unter der Pelzjacke (Kostüme: Annika Ley), das Publikum.

Interessant sind die auf Stellwände projizierten Namen der Personen, die die Video-Kamera (Levy) ins Buchstaben-Chaos überführt und die gefangenen Schwestern meint. Die wunderbare Simin Soraya, ab 2011/12 festes Mitglied im Düsseldorfer Schauspielhaus, ist zweifelsohne eine Schauspielerin mit Zukunft. Ihre Leistung bei der Münster-Premiere hätte ganz sicher ein größeres Publikum verdient gehabt.