02.04.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Virgin Suicides: Rätsel um die fünf stummen Töchter

Pressespiegel

 

02.04.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Virgin Suicides: Rätsel um die fünf stummen Töchter

Die Lisbon-Mädchen sind fünf Schwestern, aus der Ferne „funkelnd schön“, aus der Nähe sogar mit Individualität begabt. Aber nah kommen ihnen die vier Jungs, die sie einen Sommer lang beobachten, nur zweimal.

Einmal bei einer streng beaufsichtigten Party und einmal bei einem Schulfest mit ungutem Ausgang. Denn die Mädchen stehen unter der permanenten Aufsicht ihrer Eltern, die sie vor der Außenwelt förmlich abschirmen. Das mag der Grund sein, warum sie sich umbringen. Zumindest legt die Rekonstruktion des Falles eine solche Erklärung nahe. Aber wer kann schon hineinschauen in eine Teenagerseele.

Paradeiser Productions hat den Roman „The Virgin Suicides“ des amerikanischen Autors Jeffrey Eugenides für die Bühne bearbeitet und im Pumpenhaus in Münster aufgeführt. Unter der Regie von Ruth Schultz agieren vier Schauspieler und fünf Tänzerinnen.

Schönheit und Fremdheit

Die Jungs erzählen dem Publikum, wie sie sich von der Schönheit und Fremdheit der Schwestern angezogen fühlen, wie sie Hinweisen und Gerüchten nachgehen, um ihnen näher zu kommen. Jedes noch so kleine Ereignis wird zu einem Indiz, um das Unerklärliche zu erklären, und führt am Ende doch nur zu der ernüchternden Erkenntnis, dass sie die Mädchen nie verstanden haben.

Die Schwestern selbst bleiben stumm. Sie treten für die Jungs und für das Publikum nur in vagen, auf sich selbst bezogenen Tanzbewegungen in Erscheinung. Das entspricht der Erzählweise des Romans, bei dem der Leser alles nur aus der Perspektive eines Erzählers wahrnimmt, der die Ereignisse zu rekonstruieren und durch akribisch durchnummerierte „Beweisstücke“ zu belegen versucht. Gleichzeitig bilden die im Unkonkreten verhafteten Tänzerinnen einen Kontrapunkt zum betont sachlichen, quasi dokumentarischen Spiel der männlichen Darsteller.

Rauschen und Klackern

Die ohnehin schon dichte Atmosphäre, die aus dem Zusammenwirken von Text und Tanz entsteht, wird durch die Klangkollagen von Kai Niggemann noch verstärkt. Der Ohrpilot-Musiker geht hier eher minimalistisch vor, wenn er das Geschehen durch leicht anschwellendes Rauschen oder gleichförmiges Klackern illustriert. Andererseits kann er die Musik aber auch explodieren lassen, wenn es die Situation erfordert. Eine gelungene Inszenierung.