28.03.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Finger und Zehen verklammern sich

Pressespiegel

 

28.03.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Finger und Zehen verklammern sich

Tanz: „Russia: The Next Generation“

Klein und zierlich steht sie da in ihren viel zu großen Kleidern, als hätte sie versehentlich den Schlafanzug ihres älteren Bruders erwischt. So schaut sie hinaus in eine Welt, die von lieblichem Klavierspiel erfüllt ist, und beginnt zu tanzen. Schön ist das, anmutig und elegant. Bis sich plötzlich hässliche Straßengeräusche in die Idylle mischen. Die Irritation nimmt in der nächsten Szene noch zu, wenn die Täzerin mit Gasmaske über die Bühne robbt. Eine etwas wuchtige Symbolik, sicherlich, aber am Ende zwitschern dann doch wieder die Vögel, Kinderlachen, und alles scheint nur ein böser Traum gewesen zu sein. Oder doch nicht?
„Remebering Reality“ nennt Yana Golovchenko ihr Solo, mit dem sie im Pumpenhaus den Tanzabend „Russia: The Next Generation“ eröffnete. Drei Choreografien standen auf dem von Olga Pona kuratierten Programm, das die junge Garde des neuen russischen Tanzes vorstellte – jedes der Stücke etwa 20 Minuten lang und jedes in seiner künstlerischen Anmutung wieder ganz anders als das vorhergehende.
So entwickelt Natalia Podkovyrova in „Significance“ eine Art Antiästhetik, indem sie ihre Gliedmaßen wie kleine Marionetten über die Bühne trippeln lässt. Nicht große, frei sich entfaltende Bewegungen bestimmen hier den Tanz, sondern ein raffiniert in sich verkrampfter Gestus. Das wird besonders deutlich, wenn sie Finger und Zehen verklammert und sich dann mit hektischem Zucken wieder freizustrampeln versucht. Oder wenn sie in völlig verkrümmter Haltung – kopfüber, die Beine in der Luft – bis zur Erschöpfung auf der Stelle läuft.

Paarbeziehung

Den größten Eindruck hinterließ aber das Duett „Ultimate Illusion“  von Elena Prishvitsyna und Vladislav Morosov. Die beiden langjährigen Tänzer des Chelyabinsk Contemporary Dance Theatre bilden in ihrer fantasievollen und virtuos umgesetzten Choreografie eine scheinbar alltägliche Paarbeziehung ab.
Es beginnt damit, dass eine Frau nach einem Wolkenbruch auf einen Mann stößt und ihm die Jacke auszieht, um damit ihre nassen Haare zu tocknen. Nach einem chaplinesken Kosakentanz seinerseits, auf den sie mit heißen lateinamerikanischen Rhytmen antwortet, liegen sie sich in den Armen – bis ihr die ganze Sachen zu eng wird und sie ihn wieder abschüttelt.