25.03.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Virtuoses aus der Provinz

Pressespiegel

 

25.03.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Virtuoses aus der Provinz

Tanz: „Continuous Interruptions“ von Olga Pona werden im Pumpenhaus gefeiert

Es fängt dezent an, mit Soli, die sich immer mehr verzahnen und dabei an Dynamik zulegen. Bald agieren die Tänzer in Zweier-, dann in Vierergruppen. Gliedmaßen verschlingen sich und testen Hebelgesetze aus.

Die Gangart ist ein Mix aus modernem Ausdruckstanz, in den sich Elemente des klassischen Balletts, aber auch Ansätze von Breakdance mischen. Allerdings verfremdet. Der Ghetto-Tanz tendiert hier deutlich ins Künstlerische, während der sterbende Schwan ein bisschen nach Straßenköter riecht. Dazu eine Musik, die atmosphärisches Rauschen imitiert, rhythmisiert durch träge Bassschläge und mit einem elektronischen Fiepen als Melodiebogen.

Keine Geschichte

Olga Ponas neues Stück „Continuous Interruptions“ versammelt 13 Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne des Pumpenhauses. Im Unterschied zu früheren Werken der russischen Choreografin wird hier aber keine Geschichte erzählt. Der Ansatz ist ein abstrakter. Es geht um „die Suche nach flüchtigen Konstanten in einer zersplitterten Welt“. Konkret kristallisiert sich dabei eine permanente Wechselwirkung zwischen Kollektiv und Individuum heraus, die in der sibirischen Provinz auf ihrem Weg vom Sozialismus zum Kapitalismus sicher eine andere Bedeutung hat als im Westen.
Ein zweites auffälliges Kriterium ist der ständige Wechseln von Stimmungen. So kann sich das Ensemble zu einer regelrechten Pastorale mit Anklängen an fröhlichen Volkstanz formieren, um im nächsten Augenblick in archaische Zweikämpfe zu kippen, in deren Folge sich die Männer die verfügbaren Frauen schnappen und sie in grotesken Froschsprüngen einfach wegtragen. Oder die Tänzerinnen balgen sich wie junge Katzen, werden immer aggressiver und liegen am Ende doch wieder friedlich Kopf an Kopf, den Blick ängstlich nach oben gerichtet, wo aus den Lautsprechern ein Gewitter aufzieht.

In einer ebenfalls sehr eindrucksvollen Szene laufen die Protagonisten immer wieder nah aneinander vorbei, sodass sich ihre Hände streifen. Manchmal greift eine Hand zu und hält die andere fest. Oder auch nicht, wer kann das vorher wissen. Im Finale des ausdrucksstarken und tänzerisch virtuos umgesetzten Stücks wirbelt das gesamte Ensemble in einer komplexen Choreografie über die Bühne, während das Licht langsam erlischt. Obwohl hier jeder als Individuum agiert, ist er am Ende doch Bestandteil einer einzigen großen Ordnung. Lang anhaltender Applaus für eine großartige darstellerische und inszenatorische Leistung.