21.03.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Der Tod tanzt mit

Pressespiegel

 

21.03.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Der Tod tanzt mit

Russisches Ensemble trotzt einer atomverseuchten Region

er Auftakt mutet fast romantisch an. Aber dann legen die Tänzer an Tempo zu. Akrobatische Einlagen und dezent angedeuteter Breakdance setzen raffinierte Kontrapunkte, bis das Ganze an eine komplizierte Maschine erinnert, deren Funktion man zwar nicht durchschaut, bei der aber alle Teile perfekt zusammenwirken. 
Zudem formiert sich das Ensemble ständig zu neuen Zweier- und Dreiergruppen, sodass man gar nicht weiß, wo man zuerst hinschauen soll. 
Welch eine Verschwendung, denkt man und lässt den Blick mit den Akteuren über die Bühne tanzen, um ja keines der zahlreichen Details zu verpassen.

Träume aus der Provinz

„The Other Side Of The River“, mit dem das Chelyabinsk Contemporary Dance Theatre im Pumpenhaus gastierte, ist ein eindrucksvoll in Szene gesetztes Tanzstück über das Leben der Menschen in der sibirischen Provinz und über ihre Träume von einer besseren Welt. Olga Pona, die Gründerin der Gruppe, schaffte damit 2007 den internationalen Durchbruch.
Im Mittelpunkt der Handlung stehen zwei Arbeiter einer Wäscherei, die sich auf eine fantastische Reise gen Westen begeben. Auf ihren Bügelbrettern sausen sie durch eine schillernde Popwelt, üben sich in dekadenten Salontänzen und geraten immer wieder an Mädchen, die es dann doch nicht so meinen. Dabei bezieht der Tanz auch Elemente des Slapsticks und der Pantomime ein, die nicht selten dazu dienen, die kunstvoll aufgebaute Stimmung ironisch zu brechen.
Chelyabinsk, die Heimat der Truppe, ist eine Millionenstadt am Ural, die es in sich hat. In der 150 km entfernten kerntechnischen Anlage Majak kam es 1957 zu einer Explosion, die mehr radioaktives Material freisetzte als der havarierte Reaktor in Tschernobyl. Wie es ist, unter solchen Bedingungen zu leben und zu arbeiten, beleuchtet der im Anschluss an den Tanz gezeigte Dokumentarfilm „Tankograd“ von Boris Bertram. Man sieht die Tänzer in ihren Wohnungen, beim Kochen, bei den Proben. Dazwischen gibt es Interviews mit einer Ärztin, die erhöhte Erkrankungsraten bei den Einwohnern feststellt. Um ihre Gesundheit sorgen sich auch Ponas Tänzer. Weggehen wollen sie aber trotzdem nicht. Denn hier ist der Tanz.