18.03.2011 – Isabell Steinböck / Westfälische Nachrichten: Tanz als Überlebensstrategie

Pressespiegel

 

18.03.2011 – Isabell Steinböck für Westfälische Nachrichten
Tanz als Überlebensstrategie

Choreografie und Film aus Russland im Pumpenhaus thematisieren radioaktive Verseuchung

Körper, die sich kompromisslos in die Weite dehnen, athletischer Tanz: „The other side of the river“ ist eine sich rasant steigernde Choreografie, die ihre Tänzer virtuos und ausdrucksstark präsentiert. Olga Ponas „Chelyabinsk Contemporary Dance Theatre“ aus dem Ural überzeugt durch ästhetischen Tanz, klare Linien, eine musikalische Choreografie und abwechslungsreiche Szenenwechsel. Es geht um die Jugend der 60-er Jahre im Spannungsfeld zwischen Kommunismus und globalem Kapitalismus.

Wer die durchtrainierten Tänzer auf der Bühne sieht, denkt kaum daran, dass sie aus einer der radioaktiv verseuchtesten Gegenden der Welt stammen. Dass das Tanzensemble derzeit durch Deutschland tourt, zudem noch mit Boris B. Bertrams preisgekrönter Dokumentation „Tankograd“, ist auf beklemmende Weise aktuell, ereignet sich in Japan doch gerade eine vielleicht noch verheerendere Atomkatastrophe als im Russland der 1950er Jahre. Mehrere Unfälle haben die Einwohner der Atomwaffen produzierenden Stadt zur Zeit des Kalten Krieges radioaktiv belastet; Bis heute wird in Chelyabinsk international Atommüll entsorgt. 

Wer Bertrams Film sieht, bekommt eine Vorstellung davon, wie sich das Leben auch in Japan verändern könnte: Heute kommen keine gesunden Babys mehr zur Welt; Tiere, Pflanzen, die gesamte Umwelt ist vergiftet. In Chelyabinsk dienten auch die Seen als Atommüll-Deponien – ohne dass die Bevölkerung davon wusste. 

Boris Bertram setzt den bedrohlichen Atomanlagen, die in eine von kahlen Birkenbäumen geprägte Landschaft ragen, die Schönheit der jungen Tänzer entgegen. Tanz dient als Überlebensstrategie, Kunst hilft bei der Verdrängung, wie anderen der Wodka.

Harte Arbeit gehört zum Alltag wie selbstverständlich dazu, die Menschen fügen sich in ihr Schicksal. Ein Tänzer glaubt noch an eine saubere Zukunft für seine Kinder, später einmal. Im Chelyabinsk gibt es jedoch keine Perspektive.