07.03.2011 – Marian Schäfer / Westfälischen Nachrichten: Sie wollen dem Durchschnitt entfliehen

Pressespiegel

 

07.03.2011 – Marian Schäfer für die Westfälischen Nachrichten
Sie wollen dem Durchschnitt entfliehen

Es ist ein Stück zwischen Albtraum und Wirklichkeit. Die Schauspielerinnen spannen immer mehr rote Fäden über die Bühne, von links nach rechts, von oben nach unten. Es sind die Fallstricke des Lebens, über die schon jeder einmal gestolpert ist, bilden aber auch ein enges Korsett, das den Jugendlichen die Luft abschnürt vor lauter Regeln und Pflichten, Erwartungen und Wünschen der Eltern, der Lehrer, der Gesellschaft insgesamt.

„Verspielt“, die Theater-AG der Marienschule, steht auf der Bühne im Pumpenhaus und übt Gesellschaftskritik. In „Dressing room no.zero“ geht es um Gleichmacherei und Schubladendenken. Um eine Gesellschaft, die Kinder und Jugendliche formt wie Einheitsgurken, möglichst passend auf die Bedingungen des Marktes. In der die Vielen so ziemlich die gleiche Mode tragen und die Wenigen, die sich dem Mainstream entziehen, als Freaks gelten. Und in der die Schule nicht mehr dazu da ist, eigenständige und selbstbewusste Persönlichkeiten zu entwickeln, sondern Definitionen einzutrichtern, die maschinengleich angewendet werden.

Albtraum oder Wirklichkeit? Keines von beidem und von jedem etwas. Denn Michelle Barthel, Anna Katharina Bitter, Valerie Brintrup, Rose Bürger und Eva Lange verstärken vorhandene Tendenzen, überspitzen sicherlich, liegen deshalb aber nicht daneben. Sie zeigen eine Welt aus immer mehr werdenden Konventionen, die kaum mehr Zeit dafür lässt, zu machen, was man wirklich will. Jugendliche, die zu ersticken drohen und in die Isolation fliehen, den Kopfhörer aufsetzen, die Musik laut anmachen und in ihre eigene Welt abtauchen.

„Dressing room no.zero“, das sind 40 Minuten komprimierter Frontalunterricht mit jeder Menge Interpretationsmöglichkeiten, eine „furiose Collage übers Anpassen und Ausbrechen“, wie es im Programmtext zu dem Stück heißt, das bereits bei den Jugendtheatertagen 2010 aufgeführt worden ist. Das Ausbrechen aus der tristen und durchreglementierten Wirklichkeit allerdings passiert in einer sehr träumerischen Sequenz, in der die Jugendlichen in Bottichen voller Götterspeise wühlen wie kleine Kinder und sich damit beschmeißen. 

Am Ende stehen Fragen, die sich jeder Jugendliche irgendwann stellen muss: „Ist es besser, sich der Menge anzupassen, oder sollte man sich selber treu bleiben? Was ist, wenn der Weg, den man eingeschlagen hat, der falsche ist?“ Die Antworten darauf muss allerdings jeder selber finden, ganz individuell.