02.03.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: „Glas“ im Theater: Prinz Porno und die Ätzpunkte des Erwachsenwerdens

Pressespiegel

 

02.03.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
„Glas“ im Theater: Prinz Porno und die Ätzpunkte des Erwachsenwerdens

Ein besonders mutiges Theaterstück hatte im Pumpenhaus Premiere: Acht junge Frauen im Alter von 18 und 19 Jahren erzählen von der Pubertät. Nicht aus einem erfundenen Leben, sondern aus ihrem eigenen.

Verbal geht es gleich unverblümt zur Sache. Eine der Darstellerinnen liegt auf dem Boden und erzählt ein Märchen, in dem der Prinz mit seinen geschickten Fingern schnell die Stellen am Körper der Frau findet, an denen er ihr höchste Lust verschaffen kann. Der Text erinnert stark an Dornröschen und gleichzeitig an die kruden Fantasien einschlägiger Seiten im Internet. Ist es das, wovon Mädchen heute träumen? Offenbar schon. Aber nicht nur, wie der weitere Verlauf von „Glas“ zeigt.

Am Montag hatte die neue Produktion des Theaterlabels kunst.stoff im Pumpenhaus in Münster Premiere. Unter der Regie von Johannes Fundermann und Pitt Hartmann thematisieren acht junge Darstellerinnen spielend, tanzend und singend ihr Erwachsenwerden und das Aufkeimen der Sexualität. Dabei geben sie auch Einblick in ihre Tagebücher, in denen der „Ätzpunkt Nummer eins“, die Schule, bald von Einträgen über den ersten Freund abgelöst wird. Wie sie ihn erst nur von Ferne anschmachtet, wie sie endlich zusammenkommen und wie er sich schließlich wieder abwendet. „Er hat sich getrennt“, heißt es dann lapidar. Und ein paar Zeilen weiter: „Hoffentlich sterbe ich nicht.“

Künstlerisch und differenziert

Im Unterschied zum letzten Stück „Tote Schmetterlinge raus“, das den Zuschauer mit seiner Dynamik schier überrannte, geht das Ensemble hier ästhetisch differenzierter, quasi künstlerischer an die Sache heran, wodurch freilich auch etwas an Schwung verloren geht. Dafür gibt es zwischendurch immer wieder Szenen voller Symbolkraft, die das Geheimnis der Liebe in vorsichtiger körperlicher Annäherung und deren Fragilität in poetisch anmutenden Texten zum Ausdruck bringen.

Die innere Unsicherheit der Mädchen auf dem Weg zur Frau spiegelt sich in ständigen Stimmungswechseln. Harte Techno-Klänge werden von sanfter Ballettmusik abgelöst, lieblicher Gesang verwandelt sich in ein Streitgespräch in stakkatohaftem Telegrammstil. Einmal bewegen sich die Darstellerinnen, als würden sie esoterische Gymnastik absolvieren, ein andermal flattern sie wie aufgescheuchte Vögel über die Bühne, bis sie am Ende wieder Halt finden in der Freundschaft, die sie höchst originell definieren: „den Vibrator tauschen und sich allen überlegen fühlen“.