28.02.2011 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Ein Leben der unerfüllten Sehnsucht

Pressespiegel

 

28.02.2011 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Ein Leben der unerfüllten Sehnsucht

„Die Kleider der Frauen“: Drei Geschichten von Brigitte Kronauer mit Ursina Lardi im Pumpenhaus

Sie sitzt am Tisch, zerschneidet ein Schnitzel in große Stücke, beißt herzhaft hinein, strahlt ins Publikum. Dann steckt sie sich eine Zigarette an, raucht, isst trotzdem weiter, spießt ein großes Stück Fleisch auf und sagt: „Ein Schwein ist verunglückt.“
So wunderbar grotesk und spöttisch geht es bei Brigitte Kronauers Geschichten „Die Kleider der Frauen“ mitunter zu. Thorsten Lensing und Jan Hein vom Theater T1 haben die „sehr lückenhafte Biografie in autobiografischer Form“, wie die Autorin ihre Sammlung selbst beschreibt, jetzt erstmals auf die Bühne gebracht, allerdings stark gekürzt. Von den insgesamt 26 Geschichten waren im Pumpenhaus nur drei zu sehen: „Im Dunkeln“, „Vierzehn“ und „Krähen“. 

Dargestellt werden sie allein von Ursina Lardi, die sich als Rita lebhaft erinnert und fantastisch von Kindheit und Jugend erzählt. Mit dieser großartige
Darstellerin und einer Regie, die auf pures Spiel und reinen Text setzt, gelingt
Theater, das anrührt, amüsiert, letztlich begeistert. Etwa, wenn Ursina Lardi die Geschichte des Kindes Rita darstellt, das im Dunklen Erwachsene belauscht.Wenn sie mit Hilfe von Scherben, Fleisch und Ketchup die Grausamkeit des Tötens plastisch darstellt, alle Rollen selbst spricht, einen Scheinwerfer kurzerhand zum Mann macht oder die Tischdecke zur Bettdecke. Dabei spiegelt die Schauspielerin auf beeindruckende Weise, wie beängstigend kindliche Fantasien sein können und wie beklemmend, wenn sie sich zu Schuldgefühlen auswachsen. 

Dabei geht es eigentlich um unerfüllte Sehnsüchte. Wie ein roter Faden zieht sich das Thema durch alle drei Erzählungen, am deutlichsten in der Mitte, wenn die 20-jährige Rita im beheizbaren Schrebergarten – Alltags-Banalitäten und plumpem Gerede trotzend – von der großen Liebe träumt und doch nur von einem 14-Jährigen verehrt wird. 

Ideenreich ist die Inszenierung, wäre da nicht die dritte Geschichte als über 90-Jährige. Obgleich sowohl die Langsamkeit der Rede als auch die wenig modulierte Stimme zu Siechtum und Misanthropie der Alten passen, zieht sich die eine Stunde dauernde, beinahe unbewegt dargestellt Szene doch allzu sehr in die Länge. Mut zur Lücke hätte da gut getan.