28.02.2011 – Sabine Müller / münstersche Zeitung: Schnitzelessen mit Rita

Pressespiegel

 

28.02.2011 – Sabine Müller für die münstersche Zeitung
Schnitzelessen mit Rita

Wie Rita ein Schnitzel isst: Sie schüttet eine halbe Flasche Ketchup darüber und zündet sich eine Zigarette an. Sie raucht und kaut gleichzeitig, hält schließlich dem Publikum ein aufgespießtes Stück Fleisch hin: „Ein Schwein ist verunglückt.“

Es ist unerhört, bitter und rabenschwarz, wie Schauspielerin Ursina Lardi „Die Kleider der Frauen“ spielt. Lardi ist eine Attraktion. Die Schauspielerin provoziert Mitgefühl und Hass für diese Rita, lässt die Zuschauer in das Leben und die Seele dieser Frau eindringen. Das fast zweistündige Solo trägt Lardi ganz mühelos allein, spielt mit einer Perfektion und einer solchen Intensität, dass man den Blick keine Sekunde von ihr nehmen mag. Selbst wenn sie einfach nur sitzt und schaut und damit das Nervenkostüm der Zuschauer schier zerfetzt.

Onkel Wanja ist unvergessen

Das Regie-Duo Thorsten Lensing und Jan Hein vom Theater T1 glänzte in Münsters Pumpenhaus vor drei Jahren bereits mit der Inszenierung von Anton Tschechows „Onkel Wanja“ – neben Ursina Lardi spielte auch Devid Striesow. Unvergessen. Vor einem knappen Jahr haben die Regisseure drei der 26 Geschichten aus Brigitte Kronauers Sammlung „Die Kleider der Frauen“ für die Bühne bearbeitet. Als szenische Lesung kam das Experiment damals im Pumpenhaus auf die Bühne. Am Samstag gab es jetzt an gleicher Stelle die Uraufführung des Stücks.

Viel geändert hat sich in dem Jahr nicht. Lensing und Hein haben nur Nuancen verschoben, Rhythmen gewechselt. Sie inszenieren äußerst spartanisch, die Stimmung ist düster, Lardi auch. Sie kippt recht rasch den Tisch mit dem Schnitzelteller um: ein gewaltsamer Akt voller Gleichgültigkeit. Ein Fahrrad, ein paar Takte Musik und ein Wasser spritzender Rasensprenger reichen danach, um die Liebe versiegen zu lassen. Letztlich reicht Lensing und Hein sogar Ursina Lardi, die versteinert einfach auf einem Stuhl sitzt. Das ist Theater, an dem man sich verletzen kann, so scharf ist es.

Der Tod schwingt immer mit

Rita erzählt zwar drei Geschichten aus ihrem Leben, doch in allen schwingt der Tod mit. Selbst bei „Im Dunkeln“, als sie sich als Kind sieht: Von der Mutter geschlagen und gedemütigt lauscht das kleine Mädchen abends im Bett den Stimmen der Erwachsenen, die vom Tod der Schweine und vom Tod des Nachbarkindes erzählen. Die Liebesgeschichte „Vierzehn“ erzählt hauptsächlich vom Sterben der Liebe. Die 20-jährige Rita wird von einem 14-Jährigen verehrt. Sie findet dafür nur Verachtung. Das Wasser des Rasensprengers hat nicht nur ihre Schminke, sondern auch ihr Herz weggespült.

In der letzten Geschichte „Krähen“ ist Rita 90 Jahre alt, hat ihren Mann lange verloren und wartet auf den Tod. Schief sitzt sie auf einem Stuhl, in unscheinbares Schwarz gehüllt, die lockige Kurzhaarperücke mehr grau als blond, die Augen rot, als verweigerten sich selbst die Tränen dieser traurigen Gestalt. Angewidert von der Welt spuckt Lardi Worte aus. Ihr Tonfall ist wie eine Blase, die sich bläht und wieder zusammenfällt. Dieser monotone Rhythmus macht erst nervös, dann mürbe. Das Zuhören wird zur Qual. Weil der Zuschauer dem Sterben beiwohnt. Lardi lamentiert nicht nur Rita, sondern auch die Zuschauer aus dem Leben heraus. Und das ist auf der Bühne noch unerhörter als Ritas Schnitzelessen.