27.02.2011 – Christian Rakow für nachtkritik.de: Die Kleider der Frauen

Pressespiegel

 

27.02.2011 – Christian Rakow für nachtkritik.de
Die Kleider der Frauen – Ursina Lardi bringt drei Geschichten von Brigitte Kronauer als Solo

Bedeutsamkeitsartistik

Münster, 25. Februar 2011. Unter den renommierten Produktionshäusern der Freien Szene in Deutschland ist es vermutlich die intimste Spielstätte: das Pumpenhaus in Münster. Etwas abseits der Innenstadt gelegen, ist das Haus mit seinen Fachwerkgiebeln ein Ort für Laiengruppen und regionale Profis. Aber nicht nur. Regelmäßig kommen hier Künstler vom Kaliber eines Howe Gelb (Giant Sand) zum Konzert, oder es gastieren überregional angesagte Off-Gruppen wie andcompany&Co. Mitunter findet man sich beim After-Show-Bier im Wintergarten neben Devid Striesow wieder.

Vor drei Jahren war das so, als Striesow gemeinsam mit Josef Ostendorf, Ursina Lardi und dem Regieduo Thorsten Lensing und Jan Hein (Theater T1) einen kolossal verausgabungsbereiten Onkel Wanja in die kahle Pumpenhalle zauberte. Es ist eine der bleibenden neueren Tschechow-Produktionen geworden.

Voyeurin im Pappkarton

Jetzt kehren Lensing/Hein zurück ins Pumpenhaus, zur Vorpremiere eines Soloabends, der im März auf Kampnagel Hamburg und an die Berliner Sophiensaele kommt: „Die Kleider der Frauen“, nach einem Erzählzyklus von Brigitte Kronauer. Wie üblich bei den beiden Regie-Akribikern hat die Arbeit einen langen Vorlauf. Vorstudien waren bereits im April letzten Jahres in Münster zu sehen. Vom Tschechow-Triumvirat ist Ursina Lardi erhalten geblieben, und allein für die schneidend klare Lardi lohnt sich dieses Solo.

Kronauers Zyklus von Prosatexten erinnert aus einem ungenannten Jenseits heraus lose die Lebensgeschichte einer fiktiven Frau namens Rita. Rita ist eine stille Beobachterin, mitunter eine Voyeurin. Distanziert und ausschnitthaft registriert sie ihr Umfeld, ganz so, als sitze sie beständig in jenem Pappkarton, der einer der ersten Erzählungen ihr Motiv vorgibt. Aus Blitzeindrücken von fremden Frauen und ihren Accessoires, die Rita in dieser Horch- und Guckperspektive unterkommen, fügt und spiegelt sie ihre eigene Biographie.

Lensing/Hein fokussieren mit einer Auswahl von drei der 26 Prosastücke stärker auf das Ich des Zyklus als auf die Umgebung. Frivolitäten, die es bei Kronauer durchaus auch gibt, werden gedimmt zugunsten einer düster eingefärbten Existenzbesinnung. Trübsal ist Trumpf. In rotem Kleid mit blonden Zöpfen führt uns Lardi imaginativ in eine Kindheit voll Strafe und Gewalt („Im Dunkel“). Schweine werden geschlachtet, Kinder misshandelt, hört man. Das Szenario begründet eine Liebe zu den Tieren und eine latent misanthropische Grundstimmung der Protagonistin. Auf einem Fahrrad mit T-Shirt und Rock bestreitet sie den zweiten Teil als Studentin („Vierzehn“). Einen Liebhaber hat sie da noch nicht. Im anschließenden Finale („Krähen“) ist Lardis Rita unter einer graublonden Perücke auf 90 Jahre gealtert und hat ihren Mann bereits verloren. As time goes by.

Mehr Glücksstrom, bitte schön

Lardi ist eine Virtuosin im Spiel mit Distanzen. Kühl durchwandert sie Ritas Erinnerungen, lässt Nebenfiguren schlaglichtartig aufflackern und schüttelt den einen oder anderen garstigen O-Ton aus ihrer Kehle in ein Mikrophon. Derbe Stimmen einer derben Zeit. Vereinzelt umspielen kräftige Bildakkorde dieses Kammerkonzert einer Identitätsverstimmung: So wird für den zweiten Teil ein Rasensprenger angestellt, was mindestens eine schöne Reminiszenz an den Gartenschlauch im „Onkel Wanja“ ist. Auch kommt Liebeskummer selbstredend am besten, wenn die Heldin bis auf die Haut durchnässt dasteht.

Die atmosphärischen Kabinettstückchen und der souveräne Grundrhythmus verhindern allerdings nicht, dass der Abend ob des beträchtlichen Bedeutsamkeitsballasts mit zunehmender Dauer (er bringt es auf gute eindreiviertel Stunden) ins Grundeis absinkt. „Es ist der Glücksstrom, der senkrechte Einfall des Himmels, der fehlt“, möchte man dem Text mit seinen eigenen Worten zurufen, während man spürt, wie Kronauer einen jeden Satz der Ewigkeit abgerungen und zurückgegeben hat: „Manchmal gingen mir Verse durch den Kopf. Ich konnte dann fast hineinsterben in diese Sätze, in die Unendlichkeit hineinsterben: ‚in tiefster Herzenstiefe’.“ Bei Don DeLillo heißt es: Warum ist es so schwer, ernst zu sein, und so einfach, zu ernst.