18.02.2011 – Brigitte Heeke / Westfälischen Nachrichten: Statt Kitsch harsche Kritik

Pressespiegel

 

18.02.2011 – Brigitte Heeke für die Westfälischen Nachrichten
Statt Kitsch harsche Kritik

Atlantis: Ein Mythos vom besseren Leben? Von wegen! Eine Kriegsgeschichte hat Platon in seinem Fragment über die versunkene Stadt erzählt, als Mahnung an die Eliten Athens, sich nicht gehenzulassen und sich auf ihre Traditionen zurückzubesinnen. In der Regie des Kainkollektivs aus Bochum wird daraus ein Antikriegsstück. Die dicht gepackte und absolut sehenswerte Performance „Altneuatlantis“ wurde jetzt im Pumpenhaus gezeigt.

Despoten aller Epochen, aber auch die Unterhaltungsindustrie haben das untergegangene Inselreich bereits für ihre Zwecke vereinnahmt. Das Kainkollektiv, bestehend aus Alexander Kerlin, Fabian Lettow und Mirjam Schmuck, bürstet den Mythos gleich doppelt gegen den Strich, indem es nicht auf solche Zuschreibungen der Vergangenheit hereinfällt, sondern daraus ein eigenes Stück destilliert – mit zum Teil drastischen Mitteln.

 Das Regie-Team lässt zudem die Kitschfalle „Unterwasserwelt“ links liegen. Ihre Schlussfolgerung heißt eher: Unter Wasser, im Krieg, in einer globalisierten Konsumgesellschaft ist das Leben hart. Rätselhafte Krankheiten nehmen zu, Menschen sterben oder fallen dem Wahnsinn anheim, die Gesellschaft wird habgierig und vergisst ihre Wurzeln.

Die Regisseure lassen die Bilder und Assoziationen wuchern, um diese Entwicklung zu dokumentieren. Elemente aus Tanz, Improvisation, Videokunst (Nils Voges) und Musik fluten die Bühne und verleihen den ohnehin eindrucksvollen Zitaten aus alten und neuen Texten zusätzliches Gewicht. Alles unterliegt einer ständigen Veränderung. Die Tische vom Gelage der atlantischen Elite (keine Manieren, aber überheblich bis zum dorthinaus) werden zu Lehrtafeln umfunktioniert. Aus umherliegenden Steinen entsteht eine Mauer. Aus Masken (Kostüme: Sigrid Trebing) werden Gesichter. Das Lippenbekenntnis zur Demokratie schlägt bald um in zynische Kriegsverherrlichung, ein Soldatenlied steigert sich grotesk zur verzweifelt-fröhlichen Polka.

Julia Dillmann, Randolph Herbst, Andreas Maier, Rasmus Nordholt, Mirjam Schmuck und Anna Weißenfels bilden das fantastische Ensemble von „Altneuatlantis“. Die Schauspieler sind Mehrfachbegabungen. Sie tanzen, spielen Instrumente, singen mehrstimmige Bach-Choräle und das „Dies irae“ aus dem Mozart-Requiem.

„Altneuatlantis“ ist die aktualisierte Wiederaufnahme einer Produktion von 2009. Das nächste Projekt des Kainkollektivs beschäftigt sich mit der Haut und Identität des Menschen. Grundlage ist die Beobachtung, „dass eigentlich alle ständig dabei sind, ein Bild von sich selbst zu erschaffen“, wie Regisseur Fabian Lettow sagt. Das neue Stück wird voraussichtlich im Herbst in Münster zu sehen sein.