14.02.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Die Golden Girls erzählen aus ihrem Leben

Pressespiegel

 

14.02.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Die Golden Girls erzählen aus ihrem Leben

Das neue Stück des Paradeiser-Produktions-Teams baut auf Erzählungen von Rentnerinnen auf: Alte Damen erzählen aus ihrem Leben. Was öde klingt, ist auf der Bühne extrem unterhaltsam. Die alten Damen sind hier nämlich jung.

Früher war alles anders: schöner, besser, intensiver. Davon ist Frau Kempermann überzeugt. Die Dame hat die 80 rüstig überschritten und ist eine von drei Kandidatinnen, die sich einer Talkshow der Erinnerungen gestellt haben. Die beiden anderen sind nicht viel jünger, haben ebenfalls einiges zu erzählen und machen davon auch tüchtig Gebrauch.

„Team Time & die Golden Girls“ heißt die neue Paradeiser-Produktion, die am Freitag im Pumpenhaus in Münster Premiere feierte. Die Truppe aus Essen und Münster, die sich nach einer österreichischen Tomate benannt hat, erzählt hier keine zusammenhängende Geschichte, sondern webt aus den Erinnerungsfetzen der Protagonistinnen ein ebenso unterhaltsames wie nachdenklich stimmendes Patchwork, das künstlerisch auf vielfache Weise gebrochen ist.

Akustisches Gebäude
Zum einen durch die Besetzung. Denn die alten Damen werden hier von den jungen Schauspielerinnen Elmira Bahrami und Jessica Garbe und der ebenfalls jungen Tänzerin Ursina Hemmi gespielt. Hinzu kommen Simon Breuer als merkwürdig wortkarger Talkmaster und „Ohrpilot“ Kai Niggermann, der mit seinem E-Bass eine Art akustisches Gebäude um das Ganze herumbaut.

Kindheit in Henrichenburg, Frauenfachschule in Dortmund, Landverschickung, dann alle zehn Geschwister die Krätze. Der Bruder, Drogist in Haltern, wird tot in seiner Wohnung gefunden. Beengte Verhältnisse, bis endlich der eigene Bungalow fertig ist. Ehe, Kinder, Enkel, plötzlich der Mann weg. Einsamkeit, erster Herzinfarkt. Das sind einige der Stationen, die hier thematisiert und mit viel Lokalkolorit umgesetzt werden.

Interviews mit alten Damen

Die Inhalte stammen aus Interviews, die Regisseurin Ruth Schulz und ihr Team mit älteren Damen geführt haben. Die Form ist Paradeiser-Werk. Und das kann sich sehen lassen. Etwa wenn die Damen dem Talkmaster das Mikro klauen und damit herumalbern, wenn sie „Winter adé“ anstimmen und dabei immer schriller werden, wenn sich die Tänzerin kunstvoll in das Mikrokabel verwickelt, wenn die Darstellerinnen von projizierten Textfetzen aus ihren Lebensläufen über die Bühne gejagt werden. „Die Erinnerung ist eine Näherin“, heißt es einmal sehr treffend. Und das Kleid, das hier geschneidert wird, ist schön. Und kein bisschen altmodisch.