01.02.2011 – Ulrike Merten / Der Westen: Am Pulsschlag der Ärzte

Pressespiegel

 

01.02.2011 – Ulrike Merten für Der Westen
Am Pulsschlag der Ärzte

Eben erst ist er vom 24-Stunden-Dauer-Dienst nach Hause gekommen und holt sich gegen die Müdigkeit noch schnell einen Kaffee ans Telefon. Tugsal Mogul ist Mediziner, Anästhesist an einem Münsteraner Krankenhaus. Und ebenso Schauspieler (Theater in Bonn, Berlin und Hamburg ect., wie TV), Regisseur und Gründer der Gruppe Theater Operation. Dieser gelebten Schizophrenie verdankt der Zuschauer auf der Juta-Bühne des FFT am 4. und 5. Februar tiefe Einblicke in den OP, die Intensiv-Station, die Faulstellen des Gesundheitssystems und die widersprüchliche Seelenlage von Klinikärzten zwischen Leben und Tod, Mensch und Management, Ideal und Zeitdruck, Selbstzweifeln, aber auch schönen Momenten.

Das kranke System

„Ein Stück aus dem Alltag der Medizin, das ist bislang einmalig“, versichert Mogul, Sohn türkischer Einwanderer und setzt sich entschieden gegen Kittel-Klischee-Arien im TV-Serienformat ab. Eigene Erfahrungen als Arzt und die Geschichten, die ihm Kollegen „schenkten“, flossen in die Diagnose „Halbstarke Halbgötter“ ein.

Seit der Premiere 2008 im Münsteraner Pumpenhaus wurde das tragikomische Doku-Drama 31 Mal auch an anderen Bühnen gezeigt. „Immer ausverkauft“, sieht der Theaterleiter die Relevanz bestätigt. „Die Zuschauer nehmen das als Spiegel an.“ Und diskutieren heftig bei den anschließenden Publikumsgesprächen. Warum geht es ihm? Ist es das Werben um mehr Verständnis für die Situation der Ärzte? Oder vielmehr eine Attacke gegen die krank machende Gesundheitspolitik? „Die Zuschauer ziehen selbst die Kritik daraus“, sagt der Chef der Theater-Operation sibyllinisch .

Dass es auf der Bühne ums wirkliche (Über-)Leben geht, unterstreichen die vier EKG-Elektroden, die den aktuellen Puls, die Herzfrequenz der vier Bühnen-Ärzte auf einer Großleinwand aufzeichnen. Moguls Schauspieler-Kollegen und Freunde, Bettina Lamprecht, Carmen Dalfogo, Stefan Otteni und Dietmar Pröll, mit denen er vor drei Jahren die Theater Operation gründete, schlüpfen aber nicht nur in grüne Kittel, Netzhaube und Mundschutz. Mogul hatte ihnen zuvor bei Hospitationen im Krankenhaus das Sezieren des Systems ermöglicht. Und es sind vor allem Menschen, Charaktere, die die Schauspieler aus der Arzt-Rolle, unter der sie leiden, heraus schälen.

Das Authentische Material

Für die beiden Düsseldorfer Aufführungen wird Mogul übrigens auch selbst spielen, weil Dietmar Pröll eine andere Auftrittsverpflichtung habe.

Ein Op-Tisch steht im Zentrum des Bühnengeschehens um die halbstarken Halbgötter, und Mogul lacht. „Der stammt aus der Gynäkologie. Darauf sind mindestens 1200 Kinder zur Welt gekommen.“

Apropos Geburt: Die authentische Material-Schöpfung des Arztes Mogul hat bereits zu einem weiteren Stück geführt. Diesmal aus der Patienten-Perspektive. „Somnia“ heißt die zweite Produktion der Theater-Operateure, die im vergangenen November in Münster das Bühnenlicht erblickte. Diesmal kommen Menschen zu Wort, die auf der Intensiv-Station künstlich beatmet wurden und von ihren Eindrücken, Erlebnissen und Träumen erzählen. Eineinhalb Jahre haben Mogul und seine Kollegen für das Eintauchen in diese eigene Welt zwischen Schlaf und Tod recherchiert. Und wenn die halbstarken Halbgötter ankommen, könnte auch „Somnia“ ins mit dem Münsteraner Pumpenhaus kooperierende FFT folgen…