26.11.2010 – Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung – Theater Operation: Fantasien im Klinikbett

Pressespiegel

 

26.11.2010 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Theater Operation: Fantasien im Klinikbett

Sie sind noch nicht richtig wach, da träumen sie schon vom Frühstück. Einer beschreibt in poetischen Worten, die sonst höchsten Liebeswonnen vorbehalten sind, die Freuden von Milchkaffee, Marmelade und frischen Brötchen.

Dann ist es so weit. Während Nana Mouskouri ihr „Guten Morgen, Sonnenschein“ aus den Lautsprechern trällert, verteilt die Schwester mit forcierter Fröhlichkeit Zahnbürsten, Rasierer und Schnabeltassen. Sie weiß, dass sie ihre Patienten jetzt für ein paar Minuten sich selbst überlassen kann. Es ist einer der wenigen ruhigen Momente, die ihr der anstrengende Dienst lässt.

In „Somnia“, das am Mittwoch im Pumpenhaus uraufführt wurde, beschäftigt sich das „Theater Operation“ von Arzt und Regisseur Tugsal Mogul mit Patienten auf der Intensivstation. Zwei Männer (Stefan Otteni, Dietmar Pröll) und zwei Frauen (Carmen Dalfogo, Bettina Lamprecht) liegen in den kippbaren Klinikbetten und buchstabieren ihr Leid, während sie von der Schwester (Agnieszka Barcyk) verkabelt, gewindelt und gewaschen werden und im Hintergrund die Gerätemedizin stoisch vor sich hin oszilliert.

Das Stück basiert auf Interviews mit Intensivpatienten, die in kurzen Videoeinspielungen auch zu Wort kommen. Eigentlich müsste das eher bedrückend sein. Ist es aber nicht. Denn Mogul räumt den krankheits- und medikamentenbedingten Fantasien der Patienten großen Raum ein, sodass sich deren Nöte zuweilen in eine Art Komik verwandeln, wie man sie aus dem absurden Theater kennt.

Mit dem Motorrad im Tunnel
So glaubt einer der Patienten, er liege nicht in einer Klinik in Köln, sondern in Tunesien, und freut sich, dass seine Angehörigen jeden Tag ins Flugzeug steigen, um ihn zu besuchen. Eine Patientin träumt, wie sie mit ihrem Motorrad durch einen schier endlosen Tunnel fährt und auf halber Strecke umkehrt, weil sie Angst hat, dass das Benzin nicht reicht. Damit ist sie dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen. Als Dank lädt sie Ärzte und Schwestern zu Bratwurst und Bier ein.

90 Minuten lang bekommt der Zuschauer einen unterhaltsamen, aber auch aufschlussreichen Einblick in eine Welt, die er meist nur in arg trivialisierter Form aus Arztserien im Fernsehen kennt. Dabei ist es weniger der Klinikbetrieb, der das Stück interessant macht, als vielmehr die hier aufgezeigten psychischen Zustände von Menschen, die sich auf der Schwelle vom Leben zum Tod bewegen oder bewegt haben. Eine sehenswerte Inszenierung.

ZUR SACHE

Weitere Termine von „Somnia“: heute und morgen sowie 1. bis 4. Dezember (Mittwoch bis Samstag) jeweils um 20 Uhr. Karten unter Telefon (0251) 23 34 43 oder im Theater im Pumpenhaus, Gartenstraße 123.