26.11.2010 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Dem Wahnsinn nahe

Pressespiegel

 

26.11.2010 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Dem Wahnsinn nahe

Tugsal Moguls neue Produktion „Somnia – Auf der Intensivstation“

Sie liegen in OP-Hemden auf Krankenbetten; eine Beatmungsmaschine pustet Luft in Kunststoffsäcke, ab und zu piepst es irgendwo. An der Bühnen-Seite sitzt die Schwester und checkt die Werte ihrer Patienten am Computer. Der Geruch von Desinfektionsmittel liegt in der Luft; als Bühnenbild sind Monitore projeziert, die Herzschlagfrequenzen abbilden. Tugsal Mogul, Schauspieler, Theaterregisseur und im zweiten Berufsleben Anästhesist an der Uni-Klinik Münster, fängt Krankenhausatmosphäre wieder einmal authentisch ein. Nach seinem Regiedebüt von „Halbstarke Halbgötter“, einer Schauspielproduktion, die den Klinikalltag aus Ärztesicht wiederspiegelte, widmet er sich nun den Intensivpatienten.

„Somnia“ ist der Titel seines Dokumentarstücks, das sein „Theateroperation“ im Pumpenhaus uraufführte und dessen Texte auf Interviews mit ehemaligen Intensivpatienten beruhen. Mal werden sie zitiert, mal sieht man sie in kurzen Videosequenzen selbst erzählen. Auch deshalb weil es so gnadenlos realistisch ist, hört man mit Spannung zu, was diese Menschen zu berichten haben, die einmal dem Tode nah waren.

Dagegen wirkt es befremdlich, wenn sich die vier Schauspieler als Patienten so wach geben, als seien sie fast wieder gesund, wenn auf der Intensivstation genörgelt wird oder eine die ganze Zeit Quasselt. Das gehört zum Krankenhausalltag, entbehrt auch nicht der Realsatire, passt allerdings wenig zu Intensivpatienten an der Beatmungsmaschine.

Bedrückend dagegen sind Szenen halluzinierender Koma-Patienten, die mal amüsieren, dann wieder schockieren. Etwa, wenn Patient Stefan Otteni steif und fest glaubt, er sei in Tunesien im Krankenhaus; wie er, hilflos ans Bett gefesselt, Pläne zur Rückkehr schmiedet und seiner gesamten Umgebung misstraut. Und schmerzhaft, wenn derselbe von einem Leben mit seiner Geliebten träumt, während die Krankenschwester den Mann wickelt und bettet wie ein Baby.

Die vier Schauspieler haben in liegender Position kaum Freiraum zu agieren, füllen die Texte, in ihren Betten vertikal  nach oben geklappt oder horizontal vor dem Mikrofon, durch Mimik und Stimme mit Leben. Umso stärker wirken Szenen in Bewegung, wenn Patienten zum ersten Mal wieder gehen lernen, oder wenn eine von ihnen schalkhaft durch die Intensivstation geister, als letzter Gruß einer Toten.

Weitere Vorstellungen von „Somnia“ im Pumpenhaus, Gartenstraße 123: am 26., 27. November und vom  1. bis 4. Dezember. Rücklaufkarten gibt es ab 19.30 Uhr an der Abendkasse.