18.11.2010 – Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung: Heilige Johanna: Brecht badet in Eiswürfeln

Pressespiegel

 

18.11.2010 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Heilige Johanna: Brecht badet in Eiswürfeln

Brechts „Heilige Johanna der Schlachthöfe“, 1929/30 als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise entstanden, ist gerade heute wieder hochaktuell.Von Helmut Jasny.

Man muss die Ochsen und kanadischen Jungbullen, die an der Chicagoer Börse verschoben werden, nur durch Derivate, Hedgefonds und ähnliche Tricks ersetzten, die sich Finanzhaie in den letzten Jahren ausgedacht haben, um ihre Gewinne zu maximieren. Nur eine heilige Johanna für die kleinen Leute gibt es heute nicht mehr. Aber das würde auch nichts bringen, wie Brecht schon damals gezeigt hat und wie das Bonner Fringe Ensemble im Verein mit Phoenix 5 im Pumpenhaus in Münster erneut demonstrierte.

Fleischige Intrigen

Und zwar auf höchst eindrucksvolle Weise. Erzählt wird die Geschichte eines Börsencoups, bei dem der Chicagoer Fleischkönig Mauler mit Hilfe von Insider-Informationen eine Krise auf dem Fleischmarkt herbeiführt, um seine Konkurrenten auszubooten und die Arbeiter zu drücken. Johanna, Soldatin der Heilsarmee, will sich für die arbeitslosen Schlachter einsetzen und wird von Mauler für seine Machenschaften instrumentalisiert.

Obwohl Regisseur Frank Heuel weitgehend werktreu inszeniert, kommt er mit nur sechs Schauspielern aus. Diese sind nach bewährter Fringe-Manier nicht fest zugeordnet, sondern wandern gewissermaßen zwischen den Rollen. So spricht der Fleischkönig als Chor von mehreren Personen, und die Schauspieler, die gerade noch mächtige Fleischfabrikanten waren, treten im nächsten Augenblick als hilflose Soldaten der Heilsarmee auf. Nur Johanna, glänzend besetzt mit der hochschwangeren Justine Hauer, ist immer sie selbst und so der einzige Mensch unter all den gesichtslosen, rein auf ihre Funktion reduzierten Akteuren.

Bad in Eiswürfeln
Brechts Verfremdungseffekt bekommt hier noch eins draufgesetzt, wenn sich die Darsteller mit Blut übergießen, nackt in einem Bad aus Eiswürfeln wälzen oder ein frisch gebratenes Steak an die Wand nageln. Die Verhandlungen zwischen Fleischfabrikanten und Viehzüchtern gehen als groteskes Ballett über die Bühne, und die hoffnungsvollen Gesänge der Heilsarmee werden so zuckersüß intoniert, dass von vorneherein klar ist, wie wenig sie ausrichten.

Neben den originellen Regieeinfällen und der ironischen Distanz ist es das virtuose Spiel des Ensembles, das diese „Johanna“ zu einen Erlebnis macht. Der alte Brecht erfährt hier eine Verjüngungskur, die dafür sorgt, dass das Stück bei allem aufklärerischen Impetus auch noch Spaß macht.