18.11.2010 – Isabel Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Spekulant lässt alle bluten

Pressespiegel

 

18.11.2010 – Isabel Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Spekulant lässt alle bluten

Rohe Holzbretter machen den Bühnenboden aus, der Vorhang ist mit weißer Plastikplane verhängt, vor schwarzen Kacheln sitzen Arbeiter in Schlachtermontur. Regisseur Frank Heuel führt sein Publikum direkt an den blutigen Ort des Geschehens und macht den Ekel auch im weiteren Verlauf nahezu greifbar. Bildgewaltig und konsequent ist seine Inszenierung von Bertold Brechts Drama „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, die er als Regisseur des fringe ensembles / phoenix5 auf die Bühne des Pumpenhauses bringt.

Vor 80 Jahren, unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise, schrieb Brecht dieses heute frappierend aktuelle Stück. Es geht um Überlebenskämpfe im seelenlosen Kapitalismus; seine Johanna zieht als gläubiges Mitglied der „Schwarzen Strohhüte“ alias Heilsarmee in Chicago gegen die Ausbeutung der Arbeiter zu Felde, will dem Niedergang der Moral die Stirn bieten und scheitert dennoch kläglich. Am Ende ist sie zur Gewalt „bekehrt“ und wird noch im Sterben von den Wirtschaftsbossen als Heilige instrumentalisiert – kein Ausweg, nirgends.

Frank Heuel bleibt sich selbst treu, indem er die klassische Besetzungsliste ignoriert. Bis auf Johanna, überzeugend und verletzlich dargestellt von der schwangeren Justine Hauer, spielen seine vier Schauspieler nebst Bettina Marugg, die in der Rolle des skrupellosen Unternehmers Swift brilliert, mühelos sämtliche Rollen. Im Eifer des Gefechts wird das Publikum als Gesellschaft mit einbezogen; wo es allzu undurchsichtig wird, sorgen Zettel mit Rollenzuweisungen für Klarheit. Die Requisiten sind so einfach wie genial: Eiswürfel verbreiten Kühlhausatmosphäre, machen den Hungerwinter spürbar. Assoziationen an abgezogene Rinderhälften werden geweckt, wenn sich die Darsteller selbst splitternackt auf Eis legen. Und um auch die olfaktorischen Sinne zu bedienen, brät man ein Steak, um es anschließend mit der Gabel an die Wand zu rammen. Die Handlung eskaliert, als das Geschehen an der Börse immer gnadenloser wird. Fleischkönig Mauler lässt sie alle bluten, bevor sie sich am Ende im Dreck suhlen wie die Schweine.

Frank Heuel wahrt ironisch Distanz, amüsiert in kurzen Momenten, bis er wieder Szenen auf die Bühne bringt, die wie ein Schlag in die Magengrube wirken – fantastisch.

» „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ ist im Pumpenhaus, Gartenstraße 123, zu sehen am Freitag und Samstag (19. und 20. November) um 20 Uhr. Karten gibt es im WN-Ticket-Shop, Prinzipalmarkt, oder unter ‚ 23 34 43.