09.11.2010 – Bernd Liesenkötter / Westfälischen Nachrichten: Kuddelmuddel mit Feuerwerk

Pressespiegel

 

09.11.2010 – Bernd Liesenkötter für die Westfälischen Nachrichten
Kuddelmuddel mit Feuerwerk

Eine sprechende Wand, die im Stückverlauf wieder und wieder großflächig bemalt wird, Tiermasken von Gockeln, blauen Elefanten und roten Ameisen  dazu schwarzweiße Masken berühmter Persönlichkeiten von Papst bis Che Guevara, live Musik brasilianischer (sehr schön: Jorge Peña)  und deutscher (Sascha Sulimma) Provenienz sowie ein kleines Glöckchen, das ähnlich wie im Boxkampf immer neue Runden einleitet. Dramaturgisch (Regieassistenz Annette Ramershoven und Dagan Bayliss) und vom Szenenbild (Jan Brokof, João Loureiro) her haben die Macher von Fatzerbraz, die Berliner andcompany&Co, ein richtiges kleines Feuerwerk losgelassen.

Das Stück Fatzerbraz, das am Donnerstagabend einmalig im Pumpenhaus zu Gast war, nimmt sich der „Fatzer“-Fragmente von Bertold Brecht an. In den Versen von Brecht geht es um vier Deserteure im Ersten Weltkrieg, die sich von der Truppe wegschleichen und in einem Keller in Mühlheim verstecken, um dort auf die vermeintlich kommende sozialistische Revolution zu warten. Fatzerbraz geht allerdings weiter als lediglich die Brechtschen Fragmente in eine Bühnenfassung zu bringen, sondern startet gleich den Versuch das Ganze Dilemma der im Keller wartenden Deserteuere in einen interkulturellen Kontext zu lagern. Und so wird Fatzerbraz, das bilingual in deutsch-portugiesisch aufgeführt wurde und zusammen von andcompany&Co sowie dem Goethe Institut in Sao Paolo entstanden ist, zu einem großen Kuddelmuddel.

 Es gibt brasilianischen Tanz, der zwischen Zuckerhut-Lebenslust und tiefgründiger Morbidität changiert, es gibt ein flexibles Kartonbühnenbild, das mal zur Stadt New York, bald zum krachenden Kriegsschauplatz und dann wieder zum engen Keller der vier Deserteure wird. Dazwischen wird die Geschichte der vier Deserteuere erzählt. Erst sind sich alle sicher, der Fatzer hat etwas drauf, „der muss uns durchhelfen“. Doch nach einer beschwerlichen Tour im Plastikpanzer kommen die vier im Keller an und dort wird die Zeit doch arg lang. Wo bleibt denn die sozialistische Revolution? Die vier haben Hunger und der Fatzer ist immer öfter weg aus dem Versteck, geht in Mühlheim und die sitzen im Keller. Da konstituiert sich langsam im Keller – zu den Tönen der „Internationalen“ – ein kleiner „Sowjet“. Die vielen – als hier die drei – entscheiden über das Schicksal der wenigen – hier Fatzer. Und so kommt es wie es bei Fatzer kommen muss – er wird zum Tode verurteilt und ein großes rosa Gesicht mit riesigen Zähnen verspeist ihn und einige andere wie Bracht oder Papst gleich mit. Dazu tanzen alle locker zu brasilianischen Rhythmen.

Die ganze Nummer ist schon ziemlich aufgeladen mit Assoziationen zu südamerikanischen Revolutionen, zu Stadtguerilla und so weiter. Eine fast 90 Minuten lange Revue: Tanzen,  Malen, Singen, Licht an und Licht aus. Dazu wechseln sich deutsch und brasilianisch stetig ab. Da bleibt die Kerngeschichte der vier Deserteure doch arg versteckt in dem Assoziations- und Sprachdickicht. Vor dem Pumpenhaus bringt es eine Besucherin, die einen durchaus theaterzugewandten Eindruck macht, auf den Punkt: „Das war ja ganz interessant, aber worum es eigentlich ging, habe ich nicht verstanden.“ Nicht, dass Theater nicht zuweilen auch unverständlich bleiben dürfte, es bleibt aber die Frage, ob Fatzerbraz das wollte.