04.11.2010 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Getanzter Probendrill

Pressespiegel

 

04.11.2010 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Getanzter Probendrill

Patricia Noworol Dance aus New York begeisterte im Pumpenhaus

Mit wehenden Röcken fliegen die Tänzerinnen und Tänzer über die Bühne, zeigen große Sprünge, werfen einander in die Arme, rollen, springen übereinander und fallen immer wieder hart zu Boden. Stakkato bestimmt das Tempo dieser rasanten, mitreißenden Choreografie; die Musik besteht aus Geräuschen, Tönen oder monotoner Sprache. Es geht um pure Ästhetik in diesem Tanzstück, um die Virtuosität des Tänzers und um den Drill, der diese fantastische Performance hervorgebracht hat.

Patricia Noworol aus New York, die mit ihrer Company im Pumpenhaus gastierte, lässt das Publikum hinter die ernüchternden Kulissen der schönen Welt des Tanzes blicken. „Circuits“ ist ein Mix aus Choreografie auf der einen Seite und Improvisation auf der anderen. Es geht um Probensituationen, wie sie wohl jeder im professionellen Tanzbereich schon erlebt hat. Die Stimmung ist angespannt; es wird wiederholt, kritisiert, ausprobiert. Der Ton ist noch nicht so, wie er sein soll, das Licht ist improvisiert, Laptops laufen, ein Handy klingelt. Die Choreografin benutzt ihre sechs Tänzerinnen und Tänzer, lässt sich inspirieren, lobt, straft sie ab und fordert sie zu Höchstleistungen heraus – ohne Rücksicht auf Müdigkeit oder Schamgefühl.

Da müssen sich Darstellerinnen ausziehen, über körperliche Defizite sprechen, auf Knopfdruck witzig oder charmant sein, tanzen bis zum Umfallen, und das, ohne von der Gage leben zu können. Patricia Noworol spielt ihre Rolle gut, inszeniert sich in diesem zu Recht preisgekrönten Abend als eine Art Domina, eine Primadonna, die sich selbst beweihräuchert, während sie den Tänzern über den Mund fährt, sie bloßstellt oder aussortiert.

Die Company widersetzt sich zaghaft, um dann doch folgsam zu sein. Jeder Einzelne lässt sich überzeugen von der Tatsache, dass er eben nur zweite Besetzung ist oder hofft, auf der Bühne entdeckt zu werden, wenn er nur alles gibt. Dafür rennen, tanzen, springen sie sich die Seele aus dem Leib, bis sie nur noch schwanken.

Und Patricia Noworol gelingt der Kunstgriff, die hässlichen Seiten des Tanzes zu zeigen, aber das Publikum dennoch zu verzaubern.