03.11.2010 – Isabell Steinböck / Wesffälischen Nachrichten: Pumpenhaus: Alter Punker humpelt

Pressespiegel

 

03.11.2010 – Isabell Steinböck für die Wesffälischen Nachrichten
Pumpenhaus: Alter Punker humpelt

Ein alter Mann mit langem, weißen Haar sitzt am Rand der Bühne und betrachtet seine Darsteller. Es ist Jan Decorte, ein „Urgestein der flämischen Avantgarde“, so die Ankündigung des Pumpenhauses, in der das Stück der Truppe Campo Deutschlandpremiere feierte. „Tanzung“ ist Decortes erste Produktion, die nicht rein vom Text, sondern von der Bewegung lebt. Dafür hat er unter anderen die Rosas-Tänzerin Taka Shamoto auf die Bühne gebracht. Choreografisch anspruchsvoll wird es allerdings nie.

Es geht um Liebe, so ein Hinweis im Programmzettel. Tatsächlich zitiert Taka Shamoto wiederholt Liebesgedichte, nachdem sie zuvor, einem Ritual gleich, immer wieder dieselben Posen zeigt. Teils ernsthaft, teil ironisch betet die Tänzerin den Geliebten auf Knien an, den Oberkörper nackt, die Hände schützend vor die Brust gehalten. Dazwischen treten Jan Decorte selbst und seine Frau Sigrid Vinks auf. Der alte Regisseur zeigt sich als skurrile, komische Figur, indem er zu Punk-Musik über die Bühne humpelt, aggressiv ins Leere tritt oder seinen Kopf in den Boden bohrt, bis er endlich vergnügt auf Haré Krishna-Musik tanzt.

Sigrid Vinks mimt dagegen das kleine Mädchen, das gefallen möchte, auch wenn es nichts so recht kann. Ihre Ballettposen sind wacklig, Hebungen mit Taka Shamoto wirken gewollt unprofessionell, dazu passt ihr hilflos-schüchternes Lächeln und bemüht elegantes Laufen auf halber Spitze.

Man hat den Eindruck, dass es Decorte hier um persönliche Entwicklungen geht: den Vergleich von gestern und heute, als junger wie als alter Mensch. Die jungen Jahre sind längst Vergangenheit, jetzt suchen die gealterten Figuren Trost und Zuneigung. Nach skurrilen, witzigen Szenen, in denen Decorte sich auch selbst nicht ganz ernst nimmt, folgen Momente der Umarmung. Wenn dann am Ende alle vergangene Ideale verschwunden sind, hat das schon etwas Verletzliches, ja Anrührendes. Für eine 70-minütige Vorstellung ist das allerdings etwas dünn, zumal in der langsamen Inszenierung dramaturgisch auf Wiederholung gesetzt wird. Künstlerisch-ästhetische Momente sind dagegen selten. So fragt man sich am Ende, ob Jan Decorte nicht besser bei seinem Sprechtheater geblieben wäre.