16.10.2010 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Illusionslos unglücklich

Pressespiegel

 

16.10.2010 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Illusionslos unglücklich

Die drei haben sich fein gemacht. In Abendgarderobe treten sie einander gegenüber, schließlich wollen sie gut dastehen nach so langer Zeit. „In zehn Jahren treffen wir uns bei den Pyramiden und rauchen was“, haben sich Casper, Nils und Olga damals geschworen. Drei verwandte Seelen, die jetzt überprüfen wollen, ob und wie das Leben sie verändert hat. Was mit großer Wiedersehensfreude beginnt, wird ohne Illusionen enden.

„Context“ ist ein Drama von Igor Bauersima. Der gebürtige Tscheche ist vor allem bekannt geworden durch „norway.today“, ein Stück, in dem zwei lebensmüde, junge Menschen durch das Internet zueinander finden, um gemeinsam Suizid zu begehen. Hier sind es dagegen verratene Ideale, mit denen sich die Figuren auseinandersetzen.

Caspar ist in der so genannten „Kommunikationsbranche“ tätig und textet, was gerade ansteht, Olga agiert als Journalistin mit unsauberen Mitteln, nur Nils schiebt Gepäckwagen am Flughafen und hängt, unter chronischem Geldmangel leidend, ihrem alten Traum von Unabhängigkeit und Freiheit nach.

Regisseur Philip Gregor Grüneberg, der das Stück im Pumpenhaus inszenierte, stellt die drei Charaktere nebeneinander und fügt mit Tänzerin Jennifer Ocampo Monsalve noch eine vierte Figur hinzu. Die ehemalige Goldin-Tänzerin illustriert das Geschehen wirkungsvoll, indem sie Emotionen in Ausdruck und Tanz übersetzt, etwa, wenn sie die Protagonisten überfällt wie die Wirkung einer Haschpfeife oder ausgelassen Partystimmung verbreitet. Dass sich die drei Darsteller darüber hinaus mit viel Bewegung darstellen, bringt Schwung in die Inszenierung. Im Laufe des Stücks wird die Tänzerin allerdings immer entbehrlicher. Und geradezu pathetisch wirkt es, wenn sie, geliebt und weggestoßen, wie die idealisierte Freiheit in persona auftritt. Auch dass Grüneberg seine Figuren nicht nur sprichwörtlich, sondern tatsächlich im Regen stehen lässt, wirkt dick aufgetragen. Das wäre bei diesem spannenden, zum Nachdenken anregenden Theaterstück gar nicht nötig gewesen.

Die Entdeckung des Abends ist allerdings Andy Strauß, der, besser bekannt als Autor und Poetry-Slammer, in der Figur des brotlosen Idealisten Nils sein Schauspiel-Debüt gibt. Spielfreudig und mit geradezu entwaffnender Authentizität spielt er sich ins Rampenlicht, als sei es eine Leichtigkeit.