16.10.2010 – Heiko Ostendorf / Münstersche Zeitung: Theaterpremiere „Context“

Pressespiegel

 

16.10.2010 – Heiko Ostendorf für die Münstersche Zeitung
Theaterpremiere „Context“

Die im Regen stehen

„Wir waren Verschwörer“, sagt Nils. Auf ihn, den talentierten Schreiber, der sich sein Geld als Hilfsarbeiter verdienen muss, trifft das auch noch immer zu. Seine beiden Freunde Caspar und Olga haben inzwischen gut bezahlte Jobs, sind erfolgreich. Caspar als Werbefachmann, Olga als Journalistin. Gemeinsam hat das Trio, das sich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hat, kaum noch etwas.

Der Schweizer Igor Bauersima, der mit „norway.today“ das vor ein paar Jahren auf deutschen Bühnen meistgespielte Stück geschrieben hat, konfrontiert in „Context“ drei ehemalige Germanistikstudenten mit den Problemen des Älterwerdens.

Anfangs fallen sie sich noch um den Hals, demonstrieren unbändige Wiedersehensfreude. Doch schnell geraten sie aneinander. Philip Gregor Grüneberg hat aus dieser Konstellation am Donnerstag bei der Premiere im Pumpenhaus eine dichte, unpathetische Inszenierung geschaffen.

Auf einen Joint
Damals, als sie noch beste Freunde waren, haben sie sich immer mal wieder auf einen Joint verabredet, ihre Lebenserfahrungen verglichen. Und jetzt? In einem durchchoreografierten Drogenrausch scheint es fast so wie früher. Es wird philosophiert und geschwelgt. Schön war die Zeit. Dann schlägt Nils um sich – verbal. Caspar habe sich für viel Geld und einen schönen Wagen prostituiert, lautet einer der Vorwürfe. Und Olga sei nur noch eine Opportunistin, lautet ein anderer. Schließlich stehen alle im Regen, der auf den Bühnenboden prasselt und die Erinnerungen fortspült.

Slam-Poet Strauß überzeugt
Der bekannte Slam-Poet Andy Strauß kann bei seinem Theaterdebüt in der Rolle des Moralapostels Nils seine Stärken als frech-sympathischer Dauerjugendlicher hervorragend ausleben. Jonas Vietzke gelingt als Caspar eine überzeugende Darstellung des kühlen Yuppies, dem man die Sehnsucht nach dem einst von Idealen geprägten Studentenleben immer wieder anmerkt. Olga ist bei Anna-Lena Zühlke ganz meinungslose Mitläuferin, ein bisschen naiv und gerne verzweifelt.

Die Aufführung zieht die Zuschauer in die selbstquälerische Sinnsuche dieser Mittdreißiger, in diese viel zu frühe Lebenskrise unbarmherzig mit hinein. Auch dank der Tänzerin Jennifer Ocampo Monsalve. Sie flaniert als Sinnbild längst vergangener Ideale um die drei Freunde herum, ist mal leibhaftig gewordene Droge, mal Symbol der verblassenden Freundschaft. Eine starke Inszenierung.