07.10.2010 – Arndt Zinkant / Westfälischen Nachrichten: Manche Sätze schnappen nach Sinn

Pressespiegel

 

07.10.2010 – Arndt Zinkant für die Westfälischen Nachrichten
Manche Sätze schnappen nach Sinn

„Land der Berge, Land am Strome“ – es ist die Hymne Österreichs, welche die Akteure feierlich-schüchtern anstimmen, derweil die Blockflöte kindlich fiept. Österreichisch auch die Flagge, die auf der Bühne des Pumpenhauses ausgebreitet liegt. Österreicher war auch jener Wort-Berserker, dessen assoziativ gedrechselte Dialoggefechte danach über eine Stunde aus den Mündern schnauben: Werner Schwab, gefeierter Autor von „Fäkaldramen“, der mit 35 Jahren an einem Alkoholexzess starb.

Mit solch alpiner Ouvertüre wurde Schwabs Stück „Offene Gruben Offene Fenster“ als Teil der Österreich-Trilogie der münsterischen Theatergruppe „gloster!“ kenntlich. Schauspieler Carsten Bender konnte Thomas Thieme für die Regie gewinnen, der dem breiten Publikum vor allem als mächtiger Mime bekannt ist („Das Leben der Anderen“). Die schwere Schwab-Kost kam bei der Premiere gut an.

 Mit hoher Intensität begaben sich Carsten Bender, Katharina Merschel und die Tänzerin Ursina Hemmi ins Sprachlabor der modernen Paarbeziehung. Als solches hat der Autor sein Stück bar jeder Handlung konstruiert und das Sprechen selbst zum Thema gemacht. Ein „Er“ und eine „Sie“ durchlaufen verschiedene „Aggregatzustände“ der Emotion. Sie belauern und umkreisen sich verbal im Wechsel von Anziehung und Abstoßung, wobei das „Vehikel“ (Ursina Hemmi) das Ungesagte pantomimisch in gefühlvolle Aktion übersetzt. Der Tanz als dritte Dimension des Dialogs.

„Ein Fall von Ersprechen“ hat der Autor seinen Text auch genannt, der offiziell als Komödie firmiert. Anfangs provozieren die gestelzten Dialog-Parodien auch so manchen Lacher. Ist ja auch witzig, wenn die Blonde im Abendkleid bierernst verkündet: „Ich bediene ein eigenhändig sterilisiertes Gedächtnis.“ Später, wenn man sich näher gekommen ist, und zwischen Tisch und Bett die Sinnsuche quält, sinniert „Er“ wiederum: „Vielleicht wäre es wirklich lebensgünstiger, wenn man Kinder hätte.“

Der Nachwuchs stellt sich auch ein, wenn das „Vehikel“ sich das Blut eines Plastik-Froschkönigs über den Körper gießt, um als roter, glitschiger Fötus zwischen den Beinen der kreischenden „Sie“ wieder zum Vorschein zu kommen. Am Ende tanzt „es“ ganz allein – deformiert, keuchend, verzweifelt.

Darsteller und Inszenierung sind überzeugend. Beim Text selbst scheint fraglich, ob seine Substanz für 70 Minuten ausreicht, zu anstrengend ist das Wechselspiel von Sinn und Unsinn, Bürokratendeutsch und Fäkaljargon. Manche Sätze schnappen nach Sinn, manche nur nach heißer Luft.