07.10.2010 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Theaterpremiere „Offene Gruben“

Pressespiegel

 

07.10.2010 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Theaterpremiere „Offene Gruben“: Warum nicht im Bett Geschirr spülen? –

Der Österreicher Werner Schwab gilt als Berserker unter den Bühnenautoren. Bevor er sich am Neujahrsmorgen 1994 mit 4,1 Promille Alkohol aus dem Leben katapultierte, brachte er innerhalb von vier Jahren 16 Dramen zu Papier. Eines davon ist „Offene Gruben Offene Fenster“, das am Mittwoch in einer eindrucksvollen Inszenierung der Theatergruppe „gloster!“ in Münsters Pumpenhaus Premiere feierte. Für die Regie konnte der in Berlin lebende Schauspieler Thomas Thieme (der böse DDR-Kulturminister aus „Das Leben der Anderen“) gewonnen werden.

Es ist eine radikale Abrechnung mit dem Leben an sich und der Beziehung zwischen Mann und Frau im Besonderen, die das dreiköpfige Ensemble hier auf die Bühne bringt. Der Raum ist karg möbliert – sieben Stühle, von denen keiner zum anderen passt, ein aus einem Holzbrett herausgesägter Hase, der weiters keine Rolle spielt, und ein Froschkönig aus Plastik, der später reichlich Blut vergießen wird.

Mit Sprache bombardiert

In dieser „Wohneinheit“ treffen ein Er (Carsten Bender) und eine Sie (Katharina Merschel) aufeinander. Ihr Dialog ist „Ein Fall von Ersprechen“, wie es im Untertitel heißt. Das bedeutet bei Schwab, dass sich die Protagonisten mit teils derben, teils absurd gestelzten Formulierungen bombardieren. „Der öffentliche Mensch nimmt seine Aufgabe wahr wie eine Verdauung des Hineingefressene“, heißt es da beispielsweise. Oder es kommt der groteske Vorschlag, im Schlafzimmer nicht immer nur Kinder zu zeugen, sondern auch mal Geschirr zu spülen.

Dass diese Bemerkungen nicht allgemeiner Natur, sondern direkt auf den anderen gemünzt sind, bringt die Tänzerin Ursina Hemmi zum Ausdruck, indem sie als „Vehikel“ zwischen Mann und Frau hin und her springt und deren Befindlichkeiten in Bewegung umsetzt. Später wird sie sich mit Blut übergießen, als wäre sie gerade einem Orgien-Mysterien-Spiel des österreichischen Aktionskünstlers Hermann Nischt entsprungen, und als Neugeborenes zwischen den Beinen der Frau hervorkriechen.

Happy End?
Diese Tanzeinlagen führen schließlich dazu, dass die beiden Schauspieler ihre Festungen verlassen, in die sie sich mithilfe ihrer monologisierenden Wortkaskaden verschanzt haben. Am Ende des raffiniert in Szene gesetzten und hervorragend gespielten Stücks ist aus zwei Singularitäten tatsächlich so etwas wie ein Paar geworden. Ob das gut ist, steht angesichts des Vorangegangenen freilich auf einem anderen Blatt.