07.10.2010 – Stefan Pieper: Zwischen den Wort-Hülsen tobt das Nicht-Gesagte

Pressespiegel

 

07.10.2010 – Stefan Pieper
Zwischen den Wort-Hülsen tobt das Nicht-Gesagte

Schwabs „Offene Gruben offene Fenster“ jetzt im Theater Pumpenhaus Münster

Die sprachgewaltigen Texte des Werner Schwab griffen ins tiefste Zentrum menschlicher Kommunikation ein, suhlten sich dort, wo man (und frau) sich in kleinbürgerlicher Normalität entfremdet hat.  „Offene Gruben offene Fenster. Ein Fall von Ersprechen“ gehört zum Spätwerk des exzentrischen Dramatikers aus Österreich. Die neu gegründeten „gloster!“- Theaterproduktionen des Münsteraner Schauspielers und Sprechers Carsten Bender brachten mit der Premiere des spröden Werks eine Aura verstörender Endzeit-Stimmung in die ansonsten sehr behagliche Studiotheater-Atmosphäre des ehemaligen Pumpenhauses.

Ein Mann (Carsten Bender)  und eine Frau (Katharina Merschel) agieren nebeneinander. Ihre Sprache markiert den Zustand von Isolation, wie Sprache im allgemeinen Symptom von Herrschaftsverhältnissen und Entfremdung geworden ist.  Um dem vielen Nicht-Gesagten zwischen den kollossal aufgetürmten Wort-Monströsitäten ein Gesicht zu verleihen, tobt, wirbelt und gestikuliert zwischen den beiden das sogenannte „Vehikel“. Dies ist eine von Schwab geschlechtslos konzipierte, aber in Thomas Thiemes Inszenierung eindeutig weiblich dargestellte Kunstfigur (Ursina Hemmi). Gerade deren ganzer Körpereinsatz bringt Dynamik, ja Spaß und auch Schockeffekte in diese groteske Komödie hinein – und macht damit auch wieder wett, was den beiden anderen Darstellern nicht immer gelingt. Sie hätten Schwabs Sprachkunst zu weitaus mehr Durchschlagskraft verhelfen können durch noch mehr sprech-künstlerisch artikulatorische Eindringlichkeit!

Dennoch: Eine  mutige und wichtige Tat dieses kleinen, wie traditionsreichens Studiotheaters, um den 1994 verstorbenen Theater-Rebellen in seiner zeitlosen Relevanz einmal mehr zu bestätigen.