24.09.2010 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Die Fratze des Krieges

Pressespiegel

 

24.09.2010 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Die Fratze des Krieges

„Big mouth“: Tanz aus Tel Aviv als Premiere im Pumpenhaus

Eine Frau und zwei Männer marschieren im Gleichschritt. Wie Soldaten bewegen sie sich über die Bühne; ihre abgemessenen Schritte werden nur durch Richtungswechsel und angedeutete Volkstanzelemente unterbrochen. Einer gibt leise das Kommando an, die anderen folgen, bis die Frau endlich aus der Reihe tanzt.

„Big mouth“ ist der Titel der Tanzproduktion von Niv Sheinfeld und Oren Laor aus Tel Aviv, die das Stück nicht nur choreografiert haben, sondern gemeinsam mit Keren Levi als Tänzer auf der Bühne stehen. Im Pumpenhaus war das Stück jetzt zu sehen.

Zentrales Thema ist der Konflikt zwischen individueller Identität und israelischem Kollektiv. Vor dem Hintergrund des israelisch-palästinensischen Krieges wirkt die Entscheidung gegen das Kollektiv, auch wenn sie nicht leicht fällt, wie ein Bekenntnis zum Frieden. Ein gewagtes Statement, das nach seiner Uraufführung 2009 in Tel Aviv entsprechend kontrovers diskutiert worden ist.

Dabei arbeiten die Choreografen sensibel, mitunter sogar mit Humor. Die Tänzerin Keren Levi ist als Freiheit suchende Figur hin- und hergerissen zwischen Individualität und Gemeinschaft. Komisch, wie ihre Landsleute nach anfänglicher Kontroverse, die sich in bis zur Selbstzerstörung schweißtreibendem, virtuosen Tanz ausdrückt, verlegen-linkisch Abstand nehmen, um ihr schließlich Wasser und Handtuch reichen. Originell, wie sie damit gleichzeitig einen Schritt zurücktreten und auf ihre Tänzeridentität verweisen.

Wenn dann mit Pathos „ Die Hymne der heroischen, israelischen 7. Panzerbrigade“ erklingt und sich Levis Mund zu einem lautlosen Schrei formt, der das Gesicht allmählich zur Fratze verzerrt, hat der Krieg einen Ausdruck bekommen, wie man ihn besser kaum darstellen kann. Und wenn die Tänzer die gebrochene Frau anschließend auf ihre Körper betten, mit ihr über den Boden rollen oder sie mit ihren Rücken stützen, zeigt dies geradezu rührend die Fürsorge der Gemeinschaft. Sheinfeld und Laor haben es sich mit diesem politisch wie emotional packenden Thema wahrhaftig nicht leicht gemacht. Gerade das fasziniert.